Ein Snookerturnier zu besuchen, fühlt sich für mich manchmal wie ein richtig gutes Videospiel an. Ich bin auf einer Mission: Möglichst viel Snooker sehen, möglichst viele Snookerfreunde umarmen, möglichst viel Drama beobachten – und vor allem: möglichst gut darüber berichten für alle, die nicht live vor Ort dabeisein können. Damit ihr dann nächstes Jahr live vor Ort dabeisein wollt. Und Snooker in Deutschland weiter wächst und gedeiht trotz der vielen Veränderungen der letzten Jahre. Oh Gott, ich klinge schon so salbungsvoll wie Shaun Murphy. Der natürlich im frisch gebügelten Jackett mit Weichspülerduft zur Pressekonferenz nach seinem Viertelfinale erscheint. Der hat auch eine Mission. Die Kunstfigur Shaun Murphy immer weiter glattzubügeln und wie eine Bügelperle ins kollektive Gedächtnis aller deutschen Snookerfans reinzuschmelzen. Es funktioniert! Und gefällt vielen Fans. Mission erfüllt, Outfit sitzt, schnittige Statements abgegeben, Witz perfekt positioniert, Pressekonferenz durchgespielt.
Ich war dagegen nach meiner Ankunft im Tempodrom erst einmal mit einem videospieltypischen Side Quest beschäftigt: Meine Akkreditierung abzuholen. Es ist ja seit jeher dasselbe Grüppchen Hartgesottener, die aus dem Tempodrom berichten. Aber trotzdem sind wir jedes Jahr mit einem neuen Akkreditierungssystem konfrontiert, als würden wir eine Liveschalte aus Ronnie O’Sullivans Kühlschrank machen wollen. Diese Saison läuft die Akkreditierung neu mit Onlineportal. Dafür braucht man Internet, nicht so leicht im Tempodrom. Also auf in den Sidesidequest: Wlanpasswort besorgen. Julian ist der weise Schamane, der mir per Rauchzeichen das Passwort zukommen lässt. Schnell im Portal registriert, Joker freigeschalten: Man muss kein grauenvolles mit einer schlechten Webcam aufgenommenes Foto mehr auf seinem Backstage-Ausweis mit sich herumschleppen. Man kann jetzt ein Foto nach Wahl hochladen. Besser als jede Mario-Kart-Banane zum Gegner-ärgern.
Wenn wir über Gegner reden: Natürlich gehört zu einem Videospiel auch ein Bösewicht. Ein richtig böser Bösewicht, der aber gleichzeitig ein bisschen eine Karikatur ist. Dieser Bösewicht – und ich meine das im rein sportlichen Sinne – ist für mich Xu Si. Der liebe Xu Si hat wirklich keine wahnsinnig steile Karriere. Ihm ist bislang absolut noch nicht der Durchbruch eines Wu Yize gelungen, auch frisurentechnisch nicht. Die Lässigkeit eines Zhang Anda fehlt ihm ebenso. Aber ein großes Talent hat Xu Si und das seit vielen, vielen Jahren: Wie niemand sonst schafft er es, meine Lieblingsspieler in wichtigen Matches zu schlagen. Selbst bei Mark Selby hat das diese Woche in Berlin funktioniert. Weit nach Mitternacht. In einem stundenlangen Decider. Nur wenige Stunden bevor ich in den Zug nach Berlin gestiegen bin. Nach dem Decider habe ich kurz überlegt, ob ich in den Zug nach Berlin steigen soll. Man könnte das Videospiel auch einfach einmal ausschalten. Raus gehen und draußen spielen, wie es so schön heißt. Vielleicht nächstes Jahr.
Denn ich hatte den Controller schon in der Hand und konnte mir den nächsten Durchlauf des German Masters nicht verkneifen. Man könnte ja meinen, nach mehr als zehn Jahren hätte ich das Turnier durchgespielt. Alle letzten Ecken der Spielwelt erkundet. Das mag sogar ein bisschen stimmen. Aber meine Snookerlieblingscharaktere, denen ich hier Jahr um Jahr begegne, lassen jeden Zockerabend in neuem Glanz erstrahlen. Dazu gehört ihr alle. Und so ist und bleibt das German Masters einfach mein gemütliches Lieblingsspiel.
Doch eine Frage bleibt: Was ist die nächste große Mission für Snooker in Deutschland? Wie erreichen wir das nächste Level? Wie schalte ich das Zusatzpaket Paul Hunter Classic in der Traditionsfan-Revival-Edition mit Abend im Irish Pub frei? Dafür würde ich sogar Shaun Murphys Jackett bügeln.
Kathi