Live aus dem Crucible (3)

Avatar of KathiKathi - 20. April 2015 - LochBar

Willkommen – oder sollten wir sagen: Welcome – in der LochBar. Auf der Karte stehen hier allerlei Häppchen und Schlückchen aus der Welt des Snooker. Manchmal öffnet die Bar ihre Pforten, was dann passiert, wird sich zeigen! Eine Kolumne über den Sport, den wir alle lieben – auch wenn niemand sonst uns versteht.

Während der ersten Tage der WM tauschen wir ausnahmsweise den Reisschnaps gegen ein paar Pints im Graduate.

Fast! Es war so knapp! Beinahe hätte Ricky Walden ein Maximum-Break im Crucible gespielt. Dann verschoss er eine ziemlich schwierige Rote. Grund zur Trauer? Echt nicht, Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Zuerst ist es nur ein Gedankenspiel. Dann ist es eigentlich schon theoretisch irgendwie drin. Plötzlich ist er tatsächlich auf dem Weg zum perfekten Break. Alle Zuschauer am fraglichen Tisch scheinen gleichzeitig zu merken, dass es ernst wird – das knowledgable Crucible crowd (oder die BBC-Kommentatoren) eben, falls hier irgendwer Bingo spielen will. Später merken es auch die am anderen Tisch. Der Frame war dort gerade zu Ende, das Halsverrenken dementsprechend groß. Es herrscht diese erwartungsvolle Stille, die alle verbindet. Auf einmal verschießt er eben. Ein gemeinsames “Ooooh”, ein gemeinsames Geklatsche für das tolle Break. Die Mühe hat sich also gelohnt.

Oder auch nicht, denn Ricky hat anschließend doch ein wenig tollpatschig gegen Graeme Dott verloren. Zwei geniale Bälle gelocht, einen saudummen verschossen und wieder von vorn. So kann’s gehen und Ricky sah dementsprechend traurig aus, als er sich den Fragen der herbeigeeilten Presse stellte.

Aber es gibt auch wesentlich fröhlichere Pressekonferenzen im Crucible – die der Sieger natürlich. Waldens Gegner Graeme Dott war hinter dem Tisch mit den Mikrofonen und Diktiergeräten nur schwer zu erkennen. Vielleicht sollte man ihm das nächste Mal eine Playmobil-Feuerwehrauto-Leiter zur Verfügung stellen, dann würde das optisch gleich einen ganz anderen Eindruck machen.

Aber auch mit Leiter wäre Dott nicht halb so süß wie Marcu/o Fus entzückende Tochter, die dessen Pressekonferenz beiwohnte und sich erst einmal erkundigte, was ihr Papa da eigentlich mache. Papa beantwortete fleißig Fragen auf English und Chinesisch – besonders aufschlussreich erschienen mir die chinesischen Antworten.

Abends war es vorbei mit der Hello-Kitty-pinken Putzigkeit, Hardcore-Snooker war geboten: Einmal mehr war eine Aufholjagd samt Decider angesagt. Anthony McGill gegen Stephen Maguire featuring Jan “Der Kellner” Verhaas – aber was macht man als Snooker-Schiedsrichter nicht alles, um einen umstoßlosen Spielablauf zu gewährleisten. Die Stimmung war intens, aber doch nicht unentspannt in der heißen Phase der Partie. Gelegenheit für Lacher gab es auch, als Maguire den Ex-Sitzplatz von John Higgins für sich beanspruchte und sich Jan “Das Fernglas” Verhaas erst einmal nach ihm umsehen musste. Umgesehen haben sich viele Zuschauer wohl auch nach Mark Allen, der das Match von der Pressetribüne aus verfolgt hat. Das Leben kann auch für einen Snookerspieler manchmal hart sein: Da willste dir in Jogginghose und Schlabber-Shirt mal kurz das Spiel von deinem alten Kumpel Stephen reinziehn und dann werden gleich BBC-Kameras auf dich gerichtet.

Weniger hart war das Leben im Decider für Anthony McGill. Er spielte frei nach dem Motto “all you want in a deciding frame is one chance” gleich einmal eine 122. Erst konzentriert, dann lächelnd, am Schluss ein Glucksen unterdrückend. Das ging dann bei der Pressekonferenz nicht mehr: Er hätte da ein Century gespielt, stammelte Anthony zwischen zwei mittelschweren Glucks-Anfällen. Er war nicht auf Drogen, er war auf Snooker.

Stephen Maguire nahm’s zunächst gelassen, im dritten Jahr in Folge mit 9-10 nach Hause geschickt zu werden: “What can you do, he made a great break!”

Ja, was will man machen. Ist leider geil im Crucible.

Kathi

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