Snooker-WM 2021 (IV)

Avatar of KathiKathi - 04. Mai 2021 - LochBar

Freunde der Sonne, wir haben es geschafft. Wieder ist eine emotionale Weltmeisterschaft vorbei – niedrigere Temperaturen (am Tisch bisweilen eisig), aber mehr Leute als letztes Jahr beim Sommersnooker. Wer die LochBar kennt, kennt die Sichtweise, dass im Snooker am Ende des Tages doch einfach nur zwei medium ernstzunehmende Figuren ein paar Bälle auf einem überdimensionierten Tisch rumschubsen. Doch diese WM hatte von Anfang an Höheres im Sinn: Man wollte das Finale von 1985 endlich vergessen. Ach Moment, das wollte nur Judd Trump, der sich zu unserer Freude damit gleich ein paar Überstunden bei der BBC einhandelte. So konnte er sogar feststellen, dass man in anderen Jobs gar keine Fliege tragen muss. Ob der jetzt nochmal an den Tisch kommt wie Selby bei fünf Snookern oder direkt zum Dauerexperten wird? Vielleicht wird bei Eurosport eine Stelle frei, denn Ronnie wirkte sichtlich gezeichnet davon, ein Selby – Murphy Finale ohne Schimpfworte begleiten zu müssen. Selby hat ihn dieses Jahr quasi besiegt, ohne überhaupt gegen ihn gespielt zu haben. Im Ronnie-Store werden dafür jetzt Murphy-Trikots verkauft.

Aber von der ewigen Lichtgestalt zurück zur höheren Mission der WM: Sie sollte eine Botschaft der Hoffnung sein, mit Publikum, Sicherheit, Normalität, Fröhlichkeit. Und sie war eine Botschaft der Hoffnung. Aber kein perfektes Märchen der unschuldigen Unbeschwertheit. Da bist du zum ersten Mal seit einem Jahr wieder bei einem Turnier. Du kommst rein in die Arena, ins Crucible, ins Zentrum der Snookerwelt. Du wirst alles mitbekommen vom Finale, vom Warm-up von Rob Walker über Shaun Murphys Bitte nach einem Wasserglas und Paul Colliers leisen Schritten um den Tisch bis zu Selbys nervenstarker letzter Clearance auf dem Weg zum Titel und dem dazugehörigen (nicht ganz so) heimlichen Gewusel Backstage. All das darfst du aus ein paar Metern Entfernung sehen, gemeinsam mit anderen, als Teil des Wahnsinns. Denn du bestimmst die Stimmung mit, dein echtes Geklatsche erfreut Fans auf der ganzen Welt, dein lustiger Spruch könnte Mark Selby zum amüsanten Abräumen der Farben mit “vergessener” Queue-Extension motivieren. Gleich beginnt die Session, du merkst wie Rob Walker in den 100%-Power-Modus wechselt, in dem jede Silbe und jeder Unterton sitzt. Du merkst, wie die kollektive Gänsehaut beginnt. Du könntest die pure Freude am Snookerleben mitverbreiten. Aber du entscheidest dich dafür, Mark Selby auszubuhen. Ich möchte alle 20 Paar Socken, die Shaun Murphy nach eigenen Angaben eingepackt und getragen hat, nach dir werfen.

Dave Hendon vom britischen Eurosport-Team hat im Finale nicht mit Socken, aber mit Worten geworfen. Wenn im großen kleinen Theater von Sheffield zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vor Publikum gespielt wird – und das von zwei Spielern, die Theatralik lieben oder zumindest belustigt zur Kenntnis nehmen, dann gibt es keinen besseren Kommentator dafür als einen, der selbst Theaterstücke schreibt. Immer mit dem richtigen Timing, extra mit der kleinen Pause, damit wir Paul Collier die magischen Eröffnungsworte der Session sagen hören können. Später zurück ins Studio, wo Colin Murray mit Mark Selbys Tochter Sofia zeigen konnte, dass er neben Ronnie O’Sullivan auch andere Kinder bestens managen kann.

Management war es letztlich, das Mark Selby zum vierten WM-Titel und damit noch ein Stückchen höher auf den Snooker-Olymp verholfen hat. Grandioses Lochspiel und damit perfektes Energiemanagement am Anfang der WM, Matchmanagement und das charakteristische Stempelaufdrücken am Ende. Der wohl cleverste Snookerspieler hat seinen vierten Titel, herzlichen Glückwunsch! Und der Jester hat nach schweren Zeiten wieder zu sich selbst gefunden – entsprechend emotional verlief das Interview nach dem Match, wobei die brillante Hazel Irvine alles subtil in Balance hielt. Die frisch trainierte Faust von Shaun Murphy ist letztlich also an Mark Selby abgeprallt, aber da braucht er sich nichts denken: Chuck Norris wäre es genauso gegangen.

Kathi

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