Snooker-WM 2021 (II)

25. April 2021 - LochBar

Snooker hat ein „Champagne Problem“ und das nur ein paar Monate nach Veröffentlichung des gleichnamigen Songs von Taylor Swift (die schon lange darauf wartet, mal in einer Snookerkolumne erwähnt zu werden): Barry Hearn, der König der brausigen Pressekonferenzen, zieht sich in den Hintergrund seines Snookerimperiums zurück und gibt das Zepter an seinen Austern-und-Golf-Kumpel Steve Dawson ab. Der Arme muss sich jetzt messen lassen an der „Einschenk-und-Schlürf“-Technik von Barry Hearn – eine Reifeprüfung, die wir sonst nur vom ersten Fass Bier beim Oktoberfest kennen. Der Druck auf Steve ist also größer als der in der Fitnesssektflasche, die Ronnie schon für den nächsten WM-Sieg kaltgestellt hatte.

Okay, jetzt aber kurz nüchtern: Ein geschickt gewählter Zeitpunkt von Barry Hearn. Snooker geht es so gut wie schon lange nicht mehr – in weiten Teilen sein Verdienst – und Snooker kam und kommt so gut durch die Pandemie wie kaum ein anderer Sport – bis auf einige mittelprächtige Aussagen in weiten Teilen sein Verdienst. Es wurde viel ausprobiert in der Ära Hearn und das meiste hat sogar funktioniert. Nun ist wieder ein wenig Finetuning nötig: Ein bisschen mehr Experimentierfreude bei Formaten und TV-Ansetzungen, ein paar Trippelschrittchen zurück hin zu mehr PTC-Charme, ein filigranes Händchen bei der Auswahl neuer Livescoring- und Nebentischstreaming-Verträge. Das ist alles eine Nummer zu klein für Barry Hearn, der in seiner neu gewonnen Freizeit wahrscheinlich die Wok-WM ins olympische Programm hineintaktieren wird. Statt Judo, die liegen doch eh nur faul am Boden rum.

Faulheit konnte man Barry Hearn im vergangenen Jahrzehnt wirklich nicht vorwerfen, und mangelndes Charisma sowieso nicht. Immer Gentleman, immer Charmeur, immer zufrieden, wenn es im Presseraum möglichst bunt und divers und geschäftig zuging – so habe ich ihn kennengelernt. Einer, der sich nie in einen Raum reinschleichen könnte, weil seine ganze Aura einfach „Achtung, der Chef ist da“ schreit. Ich würde jetzt sagen, dass Barry und sein dekadenter wie verdienter Schampus im Snooker fehlen werden – aber wir glauben doch nicht ernsthaft, dass er jetzt ins mediale Schweigekloster gehen wird?

Wenn wir noch kurz bei Getränken bleiben, die im Bauchnabel prickeln: Was für fantastische Leistungen haben wir bitte bei dieser WM schon gesehen? Binghams Unterschrift unter Dings Titelambitionsverzichtserklärung. McGill, der Ronnie teilweise so wenig Spielanteile ließ, dass die McGrillen schon unter dem Tisch zirpten. Mark Selby, der in seiner allerersten Session zunächst an den falschen Tisch lief und dann gegen Mystery-Maflin so gut spielte, dass er beide Tische auf einmal hätte abräumen können. Kyren Wilson mit dem kompletten Komplettspiel. Es macht Spaß, es ist schwer vorhersehbar, es hätte mehr als 28,34 Zuschauer*innen in den Werktagsmorgensessions verdient.

Wenn wir immer noch bei Erfrischungen im weitesten Sinne bleiben: Mir fehlt die kühle klare Luft vor dem Crucible an einem sonnigen WM-Tag in Sheffield. Rob Walker schon in Shorts, alle anderen immerhin mit der dünneren Jacke. Einmal kurz am Tageslicht durchatmen, bevor es wieder reingeht in die surreale Snooker Bubble – Session, Pressekonferenz, Session, undefinierbares Sandwich, Session, äh welches Restaurant hat noch auf? Die Welt draußen dreht sich weiter, aber drinnen dreht sich alles nur um ein paar Bälle auf einem grünen Tisch. Selbst dieses Jahr. Wie schön, dass wir noch eine lange Champagnersnookerwoche vor uns haben!

Kathi

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