Snooker-WM 2021 (I)

Avatar of KathiKathi - 18. April 2021 - LochBar

Es dauerte nicht lange bis zur ersten Schrecksekunde der diesjährigen Snooker-WM im Crucible: Kollektives Zusammenzucken vor dem Fernseher zu Beginn der allerersten Session, denn da war doch tatsächlich echter Applaus zu hören! Von echten Menschen, die mit echtem Enthusiasmus – aber glücklicherweise bisher ohne echt klingelnde Mobiltelefone – in die Arena gekommen waren. Eine willkommene Pause für den Dosenapplaus-DJ, und ein willkommenes Wiedersehen mit dem (wenn auch trauertagsbedingt zurückgenommenen) Megastimmungs-MC Rob Walker.

Dieses Jahr wird eben so viel Desinfektionsmittel ausgeschenkt wie sonst Bier in der Freitagabend-Session beim Shootout. Desinfektionsmittel auf Eis, genauer gesagt – denn es scheint in der Arena doch ein wenig kühler als sonst zu sein, neuem Lüftungssystem sei Dank. Den zarten Pflänzchen unter den Snookerprofis macht das natürlich zu schaffen, und so legte der amtierende Weltmeister einen phänomenalen Fehlstart hin. Die ersten paar Frames gegen Mark Joyce hätten verboten gehört, da hätte Super-Schiri Paul Collier mal besser den Spielball versteckt wie ein verspätetes Osterei. Paul ist ja jemand, der gerne mitten im Geschehen, aber dabei nicht notwendigerweise gerne im Rampenlicht steht. Und doch war er gleich nach dem Anstoß groß und mit großem Schmunzeln im Bild, als der Spielball ausgetauscht werden musste. Der hatte eine Delle, kam wohl aus der Metaphernschublade des Jahres 2020. Im späteren Verlauf des Matches hätte Mark Joyce wahrscheinlich gerne vor Wut in den neuen Ball gebissen, so schlecht war seine Chancenauswertung. Der Titelverteidiger konnte sich warmspielen und mit den drei Centuries in den letzten drei Frames das Matches sogar noch einen Rekord aufstellen – wie praktisch, wenn man sich nicht für Rekordeundschongarnichtfürdievonstephenhendry interessiert. Mark Joyce konnte sein Bad-Boy-Image jedenfalls nicht ausnutzen und Mark Allen kann die Boxhandschuhe daheimlassen.

Eine der Geschichten des Wochenendes war die wundersame nachösterliche Snookerauferstehung von Dave Gilbert. Wo auf seinem Kartoffelacker hat der Angry Farmer denn diese Form ausgegraben? Leider ging sie in jedem Fall zu Lasten von meinem WM-Geheimtipp Chris Wakelin, der die Arena dennoch mit einem deutlichen Lächeln verließ. Denn auch ihm gelang bei der WM 2021 ein beachtenswerter Neustart in Sachen Snooker, nur eben in der Quali. Dieses persönliche Pilotprojekt wird er hoffentlich nächste Saison fortsetzen.

Abschließend sollten wir noch über das beste Match der beiden ersten Tage sprechen. Yan Bingtao gegen meinen Starbucks-vorm-Crucible-Frühstückspartner Martin Gould, bei dem der Latte Macchiato am zweiten Tag leider wohl aus dem falschen Laden kam. Beide waren in bester Spiellaune und vor allem absolut nervenstark im Stehlen von eigentlich schon entschiedenen Frames. Da hätte sich so manche*r im Publikum wohl die üblichen zwei Tafeln Schokolade als Nervennahrung und zum atmosphärestiftenden Rumrascheln gewünscht, aber es ging auch so. Auch wenn Yan Bingtao die zweite Session masterhaft dominierte, haben wir von Martin Gould gerade am Eröffnungsmorgen so viele unLochBar™e gelochte Zuckerbälle gesehen, dass das sicher das knappste 10-6 der Snookergeschichte und ein absolutes Fest war.

Der Supersonntag an Tag zwei hat heute noch einige Entscheidungen zu bieten, doch das Fazit des Eröffnungswochenendes steht bereits fest: 147 Regeln für Zuschauer, Schweigeminute während der Session, kaputte Spielbälle, publikumsentwöhnte Profis – alles kein Problem. Snooker kann das. Und wir können das jetzt zwei Wochen lang genießen.

Kathi

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