Volle (Unter-)Hosen?

14. Mrz 2021 - LochBar

Dass wir einmal über Steve Mifsud als Schlüsselfigur der Snookergeschichte reden würden, hätte wohl nicht einmal die Mutter von Mark Joyce je gedacht. Immerhin ist der glorreiche aktuelle Inhaber der Tour-Karte für den Ozeanienmeister in der letzten Saison nur in einem einzigen Profi-Spiel überhaupt angetreten (und das nicht erfolgreich). Keine nennenswerten Chancen also, irgendwas zu reißen bei den Profis (außer er wäre Stephen Hendry, dann würden wir ihn feiern und viele Videos über ihn drehen). Und doch wurde Steve unverhofft zum Lieblingsspieler der Woche – zumindest bei all jenen, die die neuen Tour-Karten für Reanne Evans und Ng On Yee in zahllosen Diskussionen verteidigten. Schlechter als für den guten Steve kann es für die beiden jedenfalls schon einmal nicht laufen. (Und besser als die Kollegin Lula von SnookerPRO kann man das Thema Frauen-Snooker nicht auf ernsthafte Weise aufbereiten, also schaut da vorbei!)

Die Frauen-Snooker-Tour als offizieller zusätzlicher Qualifikationsweg für den Profizirkus, warum denn bitte nicht? Bei manchen männlichen Vertretern der Snookerwelt entwickelte sich angesichts dieser Förderung der Top-Spielerinnen jedenfalls sehr schnell eine (fast amüsante) hysterische Gefühlswolke aus Angst, Panik und Neid – interessanterweise ganz entgegen aller Geschlechterklischees.

Eine Gefühlswolke (und wahrscheinlich eine Parfümwolke) der positiven Art umgab hingegen Jimmy White und seine Fans, als “uns Jimmy” bei den Gibraltar Open seinen vierundzwanzigsten Frühling durchlebte. Und Stephen Hendry damit sehr schnell die Show stahl. Hendry bleibt mir momentan genauso ein Rätsel, wie die beiden neuen Damen auf der Maintour zunächst eines sein werden. Da hat er ein Century gespielt, aber sonst eher nur Fouls gleich beim ersten Stoß. Geht da was beim siebenfachen Weltmeister? Geht da was bei der aufgehörtzuzählenfachen Weltmeisterin? Wir werden es sehen. Ich erwarte von beiden recht regelmäßige Erstrundensiege und einige Überraschungen gegen gute Spieler, um von einem sportlichen Erfolg zu sprechen. Der Erfolg in Sachen Nachwuchsförderung ist natürlich abseits des Profitisches zu bewerten.

Eher mittelmäßige Haltungsnoten abseits des Tisches holte sich Scott Donaldson bei den Gibraltar Open ab, als er sich nur mit knallgelben Boxershorts bekleidet aus seinem Hotelzimmer aussperrte. Der verzweifelte Scott muss ein Anblick für die Snookergötter gewesen sein, die ihn mit einer mehr als soliden Woche und – angesichts seiner charmanten Schilderung des Vorfalls bei Twitter – zahlreichen Sympathiepunkten bei den Fans belohnten. Nackte Tatsachen schaffte auch Alexander Ursenbacher, der in seiner momentanen Form voll unter den Profis angekommen ist und Begriffe wie “Q-School” aus seinem Vokabular streichen darf.

Ich verstehe übrigens die Puristen-Idealisten-Rosarote-Brille-Optimisten, die am liebsten nur die Q-School als einziges, objektives Qualifikationskriterium für die Prof*innen-Tour sehen würden. Wenn wir Snooker heute neu erfinden würden (vielleicht unter dem Namen “Snickers”, um das Sponsoring in eine ganz neue Richtung zu lenken?) mit absolut gleichen Chancen für alle (Stipendien für Reisekosten, Nachwuchsförderung international, Judd-Trump-Auslosungs-Trostpreis-Prämie usw.), dann wäre das sicher eine ganz wundertollfantastische Lösung. Aber Snooker gibt es eben schon lange – und seine Geschichte, unsere Geschichte, und all die Normen, Vorurteile und all den Staub auf den Tischen kann man nicht wegdiskutieren. Nur hoffentlich mit viel Geduld und Konsequenz wegreformieren.

Kathi

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