Flohzirkus?

07. Februar 2021 - LochBar

Das Shootout ist ein Zirkus für die Snookergötter, nicht umsonst wurde es früher in der Circus Arena ausgetragen. Rumgestelze mit dem Hilfsqueue, spektakuläre Sprints um den Tisch, waghalsige Lochversuche ohne Netz und doppelten Boden – immer befeuert vom safetyfeindlichen und alkoholfreundlichen Publikum und den Wahnsinnsregeln des Wahnsinns. Das alles ist Shootout, in normalen Jahren. Was würde also dieses Jahr passieren, ohne Publikum, ohne Yellooooooow? Ein drittklassiger Flohzirkus, das war die berechtigte Befürchtung. Sie hat sich nicht bestätigt.

Stattdessen bescherte uns das Shootout ein wunderbar unbeschwertes Wochenende, an dem nichts so ganz ernstzunehmend ist. Kuriose Flukes gab es zuhauf, angefangen mit der Dreitaschen-Version von David Grace, nach der jetzt auch die neue Pizzasorte „Tre buchi“ benannt wird. Dann kam die hochwissenschaftliche „Gesetz der großen Zahlen“-Variante von MOD gegen Ben Woollaston, wo Martin (irgend-)eine für das Comeback nötige Rote rein mit der Macht der Wahrscheinlichkeitstheorie in die Tasche zwang. Da war das Shootout gerade einmal drei Stunden alt und das Snookerherz schon am Lachen. SO sollte es auch weitergehen: Viele Flukes und einige selten dämliche Fouls (ahem Sam Craigie) folgten, aber sie waren bei Weitem nicht das Seltsamste, das uns im Kuriositätenkabinett geboten wurde:

Barry Pinches rannte. Ja, wirklich. Um den Tisch, zu den Hilfsqueues, wieder zurück, und gleich noch einmal. Mit Erfolg, denn er gewann sein Auftaktmatch denkbar knapp dank dieser ungewohnten sportlichen Einlage. Bis zur zweiten Runde hatte er sich von dieser Anstrengung wieder halbwegs erholt und schaffte es, in einer brüderlichen Glanzleistung im Zusammenspiel mit Mark Selby, das Bild auf dem Tisch in einer beim Shootout noch nie dagewesenen Art und Weise unspielbar zu machen. Da braucht Fergal O’Brien normalerweise 60 Minuten für, die beiden schafften es in 6. Lange stand es 1:0 für Pinches, am Schluss sammelte Selby doch noch ein paar Pünktchen mehr. Leider zu viele, um den gerade erst von Peter Lines und Hamim Hussain aufgestellten Punktenegativrekord (9:7 Hussain) gleich wieder zu knacken.

Hussain war nur einer von vielen Amateuren, die hier groß aufspielten und uns alle Sorgen um den Snookernachwuchs vergessen lassen. Connor Benzey, Ben Mertens, Sean Harvey, Haydon Pinhey oder auch die alteingesessenen Declan Lavery und Craig Steadman lieferten ein echtes Feuerwerk ab und fühlten sich sichtlich heimisch im imaginären Zirkuszelt. Nächstes Jahr wiederholen sie das hoffentlich vor Publikum und mit mehr Blue Ball Shootouts – davon gab es diesmal zu wenig, woran nicht zuletzt Mark Williams mit seiner Letzte-Sekunden-Coolness schuld ist.

Alle – von den Organisator*innen bis hin zu den Spieler*innen und den mit Desinfektionsmitteln bewaffneten Schiedsrichtern (dieses Jahr der einzige Alkohol in der Arena) – haben jedenfalls ihr Bestes getan, um uns ein Wochenende der Unbeschwertheit zu schenken. Dank des Dosenapplauses klang es am Anfangstag zwar teilweise so, als würde das Turnier in einem Raumschiff unter Wasser ausgetragen – mit Rowdy-Applaus an den falschen Stellen inklusive. Aber auch das blieb am Schluss nur eine lustige Anekdote von vielen. Man kann das Shootout eben aus dem Zirkus holen, aber nicht den Zirkus aus dem Shootout.

Kathi

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