So gar nicht live aus Berlin

Avatar of KathiKathi - 31. Januar 2021 - LochBar

Das German Masters 2021 begann etwas holprig – und damit meine ich nicht nur Rob Spencers legendären Stolperer mit Superman-Treppe-runter-Auffangaktion am ersten Turniertag. Das große Vermissen lag in der Luft. Na klar, denn normalerweise wären ja viele von uns ins „Tempeldrom“ gepilgert, um den Snookertrubel aufzusaugen wie Jimmy White einen Reisschnaps.

So hätte ich mich dann am ersten Turniertag in einen seriösen Blazer geworfen und den seriösen Notizblock eingepackt, um dann ganz unseriös mitten im Presseraum von Chris umarmt zu werden. Dann hätte ich vor der Session noch eine komplette Highspeed-Begrüßungsrunde backstage gedreht („Welche Schiedsrichter sind vor Ort? Wer trainiert gerade? Habe ich noch Zeit für einen Tee? Ist das wieder warm hier drin! Wo ist nochmal Tisch 4? Mensch ist die Arena groß.“), mit Sicherheit Lula entdeckt (das geht normalerweise schnell) und eine #147sf-Traube vor der Arena noch dazu. 2021 hatte leider nichts davon zu bieten.

Und dennoch: Das German Masters 2021 war und ist eine wunderschöne Snookerwoche. Nur eben diesmal in Jogginghose vor dem TV statt winkend im TV. Wir haben mit der Umbenennung des Pokals zur Brandon-Parker-Trophäe die emotional beste Entscheidung seit Langem zu beklatschen, so traurig der Anlass auch ist. Dass man kein autogrammeschreibender Topstar sein muss, sondern auch mit stillen Verdiensten hinter den Kulissen die Anerkennung und den höchsten Respekt der Snookerwelt gewinnen kann, ist eine fantastische Botschaft nach außen.

Wenn wir schon über Applaus sprechen: Der fällt im Tempodrom ja immer sehr großzügig aus – Shaun Murphy bekommt bisweilen pro gegelter Haarsträhne zwei Klatscher, Ronnie pro salbungsvollem Expertensatz drei. Aber auch sonst hätte es dieses Jahr viel Grund für Applaus gegeben: Tom Fords Grandiositätenkabinettsperformance bis ins Halbfinale mit Centuries zuhauf und einem unerschütterlichen Coolnessfaktor. Die sieben Entscheidungsframes in der ersten Hauptrunde. Den abwechslungsreichen Viertelfinaltag. Einige lustige Miscues und Flukes. Viele Zuckerbälle ganz ohne raschelnde Süßigkeitentüten. Die zwei so unterschiedlichen Halbfinals. Die vielen Wir-freuen-uns-aufs-nächste-Jahr-Tweets von Spielern, Fans und Offiziellen, die dem German Masters langfristig eine glorreiche Zukunft prophezeien.

Und auch wenn das Finale eher eine kurze statt kurzweilige Angelegenheit werden dürfte, da Jack Lisowski heute offenbar seine ganz eigene Sportart betreibt, die eher dem olympischen Geographiepfeilewerfen als dem Snooker ähnelt: Es war ein Fest und schon jetzt ein wunderbares Feuerwerk der Vorfreude auf nächstes Jahr.

Kathi

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