Snooker-WM-Sommer (2) – Frisch gewischt

Avatar of KathiKathi - 08. August 2020 - LochBar

Die diversen Vorschau-Orakel zur Snooker-WM passten voll ins Jahr 2020: Da sollten die Qualifikanten den gesetzten Spielern die Frames nur so um die Ohren hauen – denn die Quali erschien wie die die einzige Vorbereitungsoase in der Turnierwüste. Gleichzeitig wiederum sollten Ronnie und Konsorten feuerwerksmäßiger aufspielen denn je – ganz ohne den Druck der „Ton Up“-Schilder und die Hintergrundmusik der Bonbontüten. Obendrauf sollte es eine WM zum Vergessen werden, mit wenig oder keinem Publikum und überhaupt gar keinem Spaßfaktor, weil ja immer alles so bleiben muss, wie es schon immer war.

Jetzt sind wir schon mitten in der zweiten Runde und können festhalten, dass sich die Qualitätsprobleme bisher auf den Blechfaktor der Dosenapplausdose beschränken. Eine fulminante WM-Hauptrunde mit einigen Glanzauftritten der Stars direkt zu Beginn (Ronnie O’Endlichkeinpublikum), einigen Flopauftritten (die Aufzeichnung von Mark Selbys Auftritt in der ersten Runde sollte heimlich vernichtet werden – nicht, dass sich diese Spielweise global ausbreitet), einigen tollen Qualifikanten (Guten Morgen, Jamie Clarke – schön, dass dein Talent mal aufgewacht ist!) und vielen wirklich packenden Spielen. Nicht umsonst war das 5-4 das Standard-Session-Ergebnis der ersten Runde. Auch das Achtelfinale lässt bisher keine Wünsche offen. Es mag an der Hitze liegen, die uns die Sinne vernebelt, aber diese WM erscheint doch im Vergleich mit den Vorjahren besonders spritzig und erfrischend.

Die einzige wirkliche Enttäuschung: Barry Hawkins, der schon das zweite Jahr in Folge die „Mindestens ein Century in jedem Spiel“-Wette der britischen Twitter-Community direkt in der ersten Runde zerstörte. (Nebenbei beendete er auch das Debut von Alexander Ursenbacher, so ein Spielverderber, der Barry. Der würde sich bei einer Pool-Party wahrscheinlich direkt die Plansch-Palme schnappen und nie mehr hergeben.) Trotzdem, auch mit rein emotionalem Einsatz hat es Spaß gemacht, bei dieser kuriosen Wette mitzufiebern.

Und wenn wir schon beim Mitfiebern sind: Die Q-School überzeugt dieses Jahr im Retro-Chic, denn die Ergebnisse werden erst per Rauchzeichen verkündet, um dann per Telegramm international verbreitet zu werden. Das ist auf der technischen Ebene weder besonders global noch besonders glücklich gelöst worden – eigentlich überraschend im Jahrhundertsnookersommer. Auch der Zeitplan wirkt, als hätte man ihn statt am Whiteboard per Höhlenmalerei erarbeitet. Aber: Ergebnisse super STOPP S Lichtenberg bekommt Tour-Card STOPP.

Neben der grandiosen Crucible-Qualifikation von Alexander Ursenbacher und dem historischen WM-Finale für Marcel Eckardt schon die dritte großartige Nachricht für die kontinentaleuropäische Snookerwelt. Darauf einen frisch aufgewischten Crucible-Eiskaffee!

Kathi

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