LochBarlin 2020 (2) – Alles neu macht die World Snooker Tour

Avatar of KathiKathi - 01. Februar 2020 - LochBar

Eine neue Ära ist angebrochen im Tempodrom, anders kann man das gar nicht sagen. Es gibt jetzt Polster auf den Sitzen und der neugewonnene Komfort ist schöner als so mancher Judd-Trump-hat-den-Frame-schon-sicher-Trickshot. Von denen hat er im ersten Frame seines Halbfinals gegen Graeme Dott direkt mal einige gezeigt. Danach ging es aber formtechnisch steil bergab und beim Stand von 3:3 ist es in der Entstehungsphase dieses Texts absolut unklar, wer das Spiel gewinnen wird. Vielleicht sollte ich die Security-Typen aus Dornbirn um Rat fragen, denn die sind letzte Woche wohl über Nacht von Ahnungslosen zu Snookerwettprofis geworden.

Doch zurück ins Tempodrom, wo es noch mehr Neuerungen zu betrachten gibt: Zunächst einmal gab es da vor dem Start der Viertelfinals ein “Gooowaaannnn Michael”, das nicht von mir kam (versprochen!). Snookerdeutschland ist noch ein bisschen bunter geworden. Daumen hoch an diesen Fan, Daumen runter leider für einige andere Zuschauer in derselben Session. Schon immer war der Freitagabend die alkohollastigste Session, aber dieses Jahr liegt noch etwas anderes in Luft. Der Ton ist rauer geworden im Tempodrom. Die Zeit der höflichen Hinweise scheint vorbei. Und einige seltsame Gestalten pöbeln ohne ersichtlichen Grund ganze Zuschauerreihen mitten in der Session an und verabschieden sich dann einen Frame später mit obszönen Gesten wieder. Da musste wohl jemand zurück in sein gruseliges Kellerverließ. Kurze Zeit später ein ganz ähnlicher Vorfall – einer von den beiden war sicher der gute alte Pornotroll von Twitter, falls sich noch jemand an den erinnert. Zum ersten Halbfinale heute haben sich die Gemüter offenbar wieder beruhigt, was sicher an der Kombi aus Rolf, Joe Perry und Shaun Murphy als Snookerspielstörerentstörer vor der Session liegt. Auch dieser Ersatz für das Eurosport-Studio ist ja eine Neuschöpfung.

Aber gut, wenn du 100 Leute auf der Straße triffst, sind ein paar eigenartige dabei. Wieso sollte das im ausverkauften Tempodrom anders sein. Eigenartig muss ja auch nichts zwingend Negatives sein, wie zwei Fans bewiesen, die heute Nachmittag neben mir saßen. Sie fieberten bei jedem Dott-Ball extrem mit, und ich dachte mir “Ach süß, zwei Dott-Ultras!”. Dann fieberten sie bei jedem Trump-Ball extrem mit, und ich dachte mir “Hä?”. Ich hoffe, sie sind dann nicht enttäuscht, wenn das Match nicht unentschieden endet. Wenn sie Nigel gegen Spielende als Marker einsetzen, wäre aber auch das theoretisch möglich.

Noch eine Veränderung: Es ist jetzt alles sehr BetVictor im Tempodrom. In der Players Lounge hängt ein überdimensioniertes Snookerkugelplakat, dem man nachts um drei nach einem Decider nicht im Dunkeln begegnen will. Das Team vom Sponsor ist aber eine schöne Ergänzung im Presseraum – und das Pressekonferenz-Setup und die Werbebanden sahen noch nie so gut aus. Man kann jetzt auch Selfies auf Original-Spielersitzen machen. Wer weiß, vielleicht gibt es nächstes Jahr römische Gelage auf goldenen Liegen in der Arena. Mit Currywurst versteht sich.

Überhaupt nicht neu im Tempodrom ist Graeme Dotts Kampfgeist. Und so hat er sich gerade in seinem vierten Berliner Halbfinale einen wahnsinnig kniffligen Frame zum 4:4 geholt. Auch wenn Judd Trump das Spiel am Ende mit 6:4 gewinnt: Es ist doch schön, dass manches sich eben nie ändert.

Kathi

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