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LochBarlin - Alles beim Alten

Avatar of KathiKathi - 30. Januar 2019 - LochBar

So Freunde, sind wir mal ehrlich. Es ist 16:58 Uhr. Ich bin seit 15 Uhr im Tempodrom beziehungsweise beim Italiener um die Ecke. Aber ich war noch nicht in der Arena. Wie kann das sein? Natürlich ist die Versuchung groß, die Jacke in den Presseraum zu schmeißen und sich direkt für die nächsten vier Stunden in der Arena zu vergraben und Snooker durchzusuchten, wie man das auf Neudeutsch wohl sagt. Aber viel wichtiger ist es für mich, erst einmal Leute zu umarmen und Backstage-Luft zu schnuppern. Es ist einfach so viel los bei einem Turnier wie diesem. So viele Fans, so viele Offizielle, so viele Spieler, so viel Vorfreude auf die kommenden Tage – das Tempodrom platzt aus allen metaphorischen Nähten.

Das erklärt vielleicht auch die Baustelle draußen. An der Fassade wird rumgeschraubt, Holzlatten liegen rum und ich spar mir jetzt zweideutige Kommentare mit Ronnie-Bezug. Aber eigentlich passt die halbe Baustelle zum Charme der ganzen Gegend hier. In diesem Zusammenhang auch die bisher treffendste Wegbeschreibung zum Tempodrom: “Also du gehst hier links. Dann nochmal links und an der hässlichen Kreuzung hinter der seltsamen Ruine, die vielleicht mal ein Bahnhof war, siehst du dann schon das Tempodrom”.

Nicht nur draußen wird geschraubt, auch hier drinnen ist am ersten Tag noch einiges zu erledigen. Gerade war Paul Collier im Presseraum, um einen Bildschirm neu zu verkabeln. Ob das früher mal in seiner Job-Beschreibung stand? Da werde ich nachhaken. Wie immer an dieser Stelle ein Rundumblick durch den Presseraum, damit ihr euch orientieren könnt. Klimaanlagenstrategisch habe ich mich in der letzten Reihe positioniert, zusammen mit Ivan, dem Snooker-Pressechef. Im ersten Jahr, in dem ich hier war, war sein Laptop noch auf einer Kaffeemaschinenpappschachtel platziert. Mittlerweile hat er einen Extra-Rahmen dafür, sieht echt chic aus! Es tut sich was in der Snookerwelt. Hier liegen auch so viele, so große Kameraobjektive rum, dass ich mich kaum traue, mich zu bewegen. Technisch gesehen bin ich eher auf dem Stand von dem alten Kühlschrank ohne Licht, der noch dazu wahnsinnig laut ist.

Rechts neben mir ist das Sponsorenbanner, vor dem die Pressekonferenzen abgehalten werden. Gerade war Mark Williams da und erzählte das Übliche auf seine üblich staubtrocken-charmante Art. Er hat gewonnen – mal wieder. Er hatte erst vorgestern mit dem Training angefangen – mal wieder. Falls er noch einmal Weltmeister wird, will er ein Jahr lang Party machen – macht er doch eh schon. Alles beim Alten, aber es wird noch nicht langweilig. Das absolute Highlight der Pressekonferenz wird wohl nie an die Öffentlichkeit gelangen – außer an dieser Stelle muharharhar. Für einen chinesischen Sponsor sollte MJW “fröhliches chinesisches Neujahr!” voller Inbrunst in die Kamera sagen. Auf dreimalige Nachfrage, ob er das wirklich MÜSSE (ja), haute er das gelangweilteste “happynewyear” raus, das jemals jemand gewünscht hat. Dann rauschte er ab und wir hatten Lachtränen in den Augen. So viel Gekichere habe ich hier selten gehört. Und wer mit nur einem Satz derartig überzeugen kann, sollte über eine Karriere als Comedian nachdenken.

Weiter in der szenischen Beschreibung. Vor mir versucht Sam von World Snooker gerade, das happynewyear vielleicht doch noch sponsorentauglich zu kriegen – vielleicht ein paar Katzenbabies reinschneiden ins Video? Und neben ihm sitzt Hector Nunns und haut mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit Williams-Zitate und den Text um sie herum in die Tasten. Der Mann ist einfach der Wahnsinn. Sobald das Interview vorbei ist, fünf Minuten nach Spielende, weiß er, wie er den Text aufbaut und schreibt einfach los. Bewundernswert. Oh, gerade kommt Mark Williams zurück zu uns. Er findet nicht nach draußen. Man muss ihm den Weg zeigen. Es ist aber auch echt kompliziert hier im Tempodrom-Backstagebereich. Come in and find out quasi. Und auch wenn man weiß, wohin man will, ist immer noch so eine “Soll ich jetzt ziehen oder drücken?”-Tür im Weg.

Später am Abend weiß ich heute ganz genau, wo ich hinwill. Ab in die Arena. Tisch vier. Keinen Ball verpassen. Mitleiden. Mitfreuen. Mit Chris und hoffentlich noch ein paar anderen an meiner Seite. Mit Theo als Schiri. Es wird ein Fest. Wie jedes Jahr.

Kathi

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