LochBar

Anbetungswürdig

Avatar of KathiKathi - 23. April 2018 - LochBar

Willkommen – oder sollten wir sagen: Welcome – in der LochBar. Auf der Karte stehen hier allerlei Häppchen und Schlückchen aus der Welt des Snooker. Manchmal öffnet die Bar ihre Pforten, was dann passiert, wird sich zeigen! Eine Kolumne über den Sport, den wir alle lieben – auch wenn niemand sonst uns versteht.

Es gibt zwei Orte auf dieser Welt, die der britische Snooker-Liebhaber geradezu anbetet. Das Crucible Theatre in Sheffield und den Felsen mit den Affen drauf in Gibraltar. Beim seltsamen Felsen kann ich das eher so mittel nachvollziehen, beim Crucible dafür umso mehr. Was haben Gibraltar und Sheffield aber gemeinsam? Genau, den chronischen Platzmangel. In Sheffield herrscht dieser wohlgemerkt in der Arena, in Gibraltar ausschließlich außerhalb. So hatte ich dort die freie Auswahl aus 200 steinharten Sitzen, allerdings war keiner mit einer Lehne ausgestattet.

Aber was soll’s, im Tempodrom halten uns die Sitze ja auch nicht vom Besuch der Snookerfestspiele ab. Temperaturmäßig waren Gibraltar und Berlin dieses Jahr durchaus vergleichbar und ich hätte mir fast eine Warmwasseraufbereitungsanlage aus einem Felsblock zurechtgehauen. Aber mal ganz im Ernst: Wo sonst läufst du über eine Landebahn zur Arena und bringst dir statt eines Müsliriegels einen Riesenschinken als Snack mit zu den Matches? (Hört ihr das? Das ist Peter Ebdon, der leise in einer Ecke weint.) Gibraltar ist wirklich ein sehenswerter Ort – wenn man es mit ein wenig Humor nehmen kann.

Ein letzter Vergleich noch, dann kommen wir zur WM, versprochen: In einem Aspekt ist Snooker-Gibraltar anderen Nationen bei Weitem überlegen: Auf dem Felsen haben sie eine Snooker Association, die nicht von Affen geleitet wird. Sondern vom Lee. Lee ist nicht nur wahnsinnig nett, er und seine Frau kümmern sich auch rührend um alles und alle. Die zwölfstündige Reise hatte ich ja ganz alleine angetreten, aber in Gibraltar habe ich mich nicht zuletzt dank den beiden immer willkommen und behütet gefühlt. Gut, ob der Snookerverband dort eine zweistellige Mitgliederzahl hat, weiß ich nicht – aber er verwehrt keinem Nachwuchstalent die größte Karrierechance und das ist heutzutage ja beachtenswert.

Jetzt aber zur WM. Die Qualifikation war für mich ja ein solches Wechselbad der Gefühle, dass meine Hausbootabwasserventilsteuerungspumpe fast vor der Flut an Emotionen kapituliert hätte. Kurzum, alle meine Favoriten sind in der zweiten Runde des Umzugskartonsfürsheffieldeinpackfinales gescheitert. Was bleibt, ist also eine Snooker-WM bei der für mich diesmal ganz klar der Snookersport im Vordergrund steht. Kein Wahnsinns-Crucible-Adrenalin-Stoß, einfach nur gute Snooker-Unterhaltung vom Sofa statt von den Pressesitzen aus. Eine sehr entspannte Abwechslung, obwohl ich mich natürlich schon auf nächstes Jahr freue.

Es ist doch einfach traumhaft. Zwei Wochen, in denen nichts wichtiger ist als das, was auf zwei grünen Tischen in einem Theater passiert. Es ist ein bisschen wie an diesem Urlaubsort, an den man als Kind jedes Jahr wieder gefahren ist: Alles ist vertraut, vom Teppich bis hin zur Trennwand und dem Spielertunnel. Man trifft immer wieder die üblichen Verdächtigen, von Rob Walker bis hin zu Brian, der mit seinem Nicht-Fußball-Fußball-Shirt Barry Hearn überlistet hat. Das Rahmenprogramm für die nächsten zwei Wochen ergibt sich auch ganz automatisch. Aber die Vertrautheit ist eben doch keine Gewohnheit – es sind zwei ganz besondere Snookerwochen im Jahr, das Kribbeln ist da. Dieses ganz besondere Gefühl, dass alles so ist wie es sein sollte.

Meine persönliche Karamell-Schoko-Karamell-Bombe unter den Erstrundenspielen war bisher das Match von Mark Allen gegen Liam Highfield. Einfach, weil die Stimmung so gut war. Weil es ein paar Selby-Chaos-Gedächtnisbilder gab und viele Framediebstahlverhinderungslongpots. Kurzum: ein kleines Snookerfeuerwerk als Einstimmung auf das große Snookerfeuerwerk. In diesem Sinne: Wer davon nicht mitgerissen wird, sollte in den kommenden Tagen lieber die Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung auswendig lernen und uns in unserem kleinen Snookerurlaubsparadies in Ruhe lassen.

Kathi

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