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Die letzten 8 im Check

Avatar of GotenGoten - 25. April 2017 - Turniervorschau, Turnierberichte

Wir nähern uns schon wieder mit Riesenschritten dem Ende einer bislang famosen Weltmeisterschaft und damit auch dem Ende einer langen, unterhaltsamen und bemerkenswerten Saison. Die Zeit für Rückblicke auf ein tolles Jahr kommt noch, jetzt dürfen erstmal noch acht Spieler unter sich den WM-Titel ausmachen. Wie sich bereits vor dem Turnier angedeutet hat, ist die Titelvergabe diesmal wohl so offen wie nie, was weitere Prognosen nur umso schwerer macht. Schauen wir uns die Viertelfinal-Paarungen doch einfach mal an.

 

Mark Selby - Marco Fu

Es ist - um der Wahrheit die Ehre zu geben - leicht erschreckend, wie souverän Mark Selby sich in Sheffield präsentiert. Während es im letzten Jahr noch der pure Kampf und Wille war, der den Spaßvogel aus Leicester zu seinem zweiten WM-Titel getragen hat, präsentiert sich Selby diesmal mit spielerischer Klasse und einer Abgeklärtheit am Tisch, die seinesgleichen sucht. Breakbuilding, Taktik, die Einstellung - es passt einfach alles beim Titelverteidiger. Wer den Titel holen möchte, schafft das nur, wenn Selby mal einen schlechten Tag erwischt. Es scheint, als führe der Titel in diesem Jahr tatsächlich nur über ihn. Der erste Härtetest wartet allerdings erst jetzt mit Marco Fu, ohne Fergal O'Brien und Xiao Guodong zu nahe treten zu wollen. Der Mann aus Hongkong spielt seit der UK Championship fast unterbrechungsfrei das beste Snooker seiner Karriere. Aus dem Chancentod Fu scheint ein Top-Spieler geworden zu sein, der dazu in der Lage ist, seine Leistungen konstant abrufen zu können. Wenn der 39-jährige in den Bällen ist, sucht sein Breakbuilding und seine Lochstärke seinesgleichen. Allerdings: Sowohl gegen Luca Brecel als auch gegen Neil Robertson erwischte Fu einen Fehlstart. Nachdem er gegen den Belgier die komplette erste Session verschlief, lag er gegen den Australier zwar nur mit 1:4 hinten, beides aber darf er sich gegen Selby nicht erlauben. Helfen könnte ihm dabei natürlich, dass er sich in beiden Matches mit Nervenstärke und beinhartem Willen äußerst knapp durchgesetzt hat. Im letzten Jahr erkämpfte sich Selby einen knappen 17:15-Sieg im Halbfinale, da hat Fu also noch eine Rechnung offen. Mein Tipp: Der Härtetest für Selby schlägt fehl und sorgt für einen knappen 13:12-Sieg für Fu.

 

Ronnie O'Sullivan - Ding Junhui

Es ist vermutlich DAS Match des Viertelfinales. Nachdem sich Ronnie O'Sullivan überraschend deutlich gegen Shaun Murphy durchgesetzt hat, scheint der vorher nicht unbedingt zu den absoluten Favoriten gehörende Engländer wieder ein heißer Anwärter auf seinen sechsten WM-Titel zu sein. Der Exzentriker wirkt unheimlich fokussiert und scheint seine doch etwas unglücklichen Niederlagen in letzter Zeit gut verdaut zu haben. Seine Fehde gegen World Snooker steht zwar stets mit im Raum, das sollte seine spielerischen Möglichkeiten aber nicht einschränken. Gegner Ding Junhui hatte etwas mehr Mühe bei seinem knappen (und auch etwas glücklichen) Sieg gegen Liang Wenbo. Ding scheint endlich mit dem Crucible Theatre warm geworden zu sein und wirkt formtechnisch auch wieder stabil genug, um ihm den Titel zuzutrauen. Dass der Chinese nicht die mentale Stärke hätte, um den WM-Titel tatsächlich zu gewinnen (O-Ton Stephen Hendry), denke ich nicht. Es könnte eher an seiner faszinierend schlechten Bilanz gegen O'Sullivan scheitern. Ding hat seit der Northern Ireland Trophy 2006 (Finale) außerhalb der Premier League nicht mehr gegen O'Sullivan gewonnen, generell liegt der letzte Sieg schon 6 Jahre zurück. Dass der Chinese die spielerische Klasse hat, um 'The Rocket' zu schlagen, steht außer Frage. Allerdings scheint das bei dessen derzeitiger Verfassung enorm schwer. Mein Tipp: 13:9-Sieg für Ronnie O'Sullivan.

 

Kyren Wilson - John Higgins

Meine Güte, was für eine Nervenstärke hat dieser Kyren Wilson? Da werden in letzter Zeit schon Selby-Vergleiche gezückt, was die Spielweise und das Auftreten des Engländers betrifft - und das völlig zu Recht. Der 25-jährige, der in einer abwechslungsreichen Saison in Indien knapp seinen zweiten Titel verpasste, hat inzwischen den Schritt zum Top-16-Spieler gemacht und kann sich zum Kreis derjenigen, die bestimmt irgendwann mal den WM-Titel holen, zählen. Sein Sieg gegen Bingham war beeindruckend, vor allem der Umstand, dass er seinen Kontrahenten nie hat ausgleichen lassen. Zum zweiten Mal in Folge steht Wilson nun im WM-Viertelfinale und es erscheint bei allem Respekt fraglich, ob es für das erste Halbfinale reichen kann. Das liegt nicht an Wilson selbst, sondern an der unfassbaren Form seines schottischen Gegners. John Higgins dreht in dieser Saison zum xten Mal die Zeit zurück und spielt grandioses Snooker. Seine gefürchteten Clearances, die einen sensationell aufspielenden Mark Allen im Achtelfinale in Schach gehalten haben, lassen einen verzweifeln. Mit dem fünften WM-Titel würde er wieder mit Ronnie O'Sullivan gleichziehen und hätte sich selbst wohl endgültig bewiesen, dass er immer noch mithalten kann. Wilson und Higgins trafen übrigens erst 1 Mal aufeinander: Das Duell beim Paul Hunter Classic 2015 entschied zwar Wilson für sich, doch diesmal scheint kein Weg vorbei zu führen an der Spielstärke und Erfahrung von Higgins. Mein Tipp daher: Der Schotte gewinnt mit 13:7.

 

Barry Hawkins - Stephen Maguire

Wenn es nach Barry Hawkins ginge, könnten wohl ab sofort alle Turniere im Crucible Theatre stattfinden. Zum fünften Mal in Folge steht der 38-jährige mindestens im Viertelfinale der WM und hat mit Stephen Maguire nun den letzten Qualifikanten im Turnier vor sich. Hawkins, den man bei Favoritenchecks häufig vergisst, darf sich inzwischen zurecht zum Kreis der Top-Spieler zählen. Zwar kann er seine Leistungen immer noch nicht so konstant abrufen wie das ein Mark Selby oder Judd Trump kann, aber sein Spiel ist solide und hat ihn ja nicht umsonst schon ein Mal ins WM-Finale gebracht. Nach dem Überraschungsaus von Trump ist die untere Hälfte eine weit geöffnete Tür für einige Spieler, wobei Hawkins da natürlich mit die besten Karten hat. Dem entgegen steht ein Stephen Maguire, der souverän durch die Qualifikation kam und in den ersten zwei Runden gerade mal fünf Frames verloren hat. Es war stark, dass sich der sonst relativ leicht aus der Ruhe zu bringende Maguire vom bedächtigen Spiel McLeods nicht hat zermürben lassen, sondern dem Match seinen Stempel aufgedrückt hat. In der Form ist er für jeden gefährlich und zeigt mal wieder, dass er aus seiner Karriere viel zu wenig gemacht hat. Vielleicht ist diese Weltmeisterschaft für den Schotten ja tatsächlich sowas wie das Turnier seines Lebens. Mein Tipp daher: Maguire gewinnt 13:10 und erreicht zum dritten Mal das Halbfinale im Crucible.

 

Egal, wer am Sonntag Montag dann die Trophäe in die Höhe strecken darf, er wird es verdient haben. Und da ihr nach meinem Text ja auch genau wisst, wer es nicht schafft (*hüstel*), könnt ihr die Entscheidung ja mit einem wissenden Auge genießen. Ich wünsche uns fünf tolle Rest-WM-Tage in dieser Saison und ein spannendes Ende im Tippspiel!

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