G0ten's Blog

Tempodromogramm - Teil 1

Avatar of GotenGoten - 02. Februar 2016 - Turniervorschau

Da sich die liebe Kathi in diesem Jahr aus Berlin fernhält, um ihr Studium voranzutreiben (tststs, diese Prioritäten...), und daher leider keine #LochBar-Artikel für euch liefern kann, werde ich in die Bresche springen und euch bestmöglich mit auditiven und schriftlichen Ergüssen auf dem Laufenden halten. Das Turnier startet zwar erst morgen, aber ich bin bereits heute so aufgeregt, dass ich mir Videos der letzten Tempodrom-Jahre angeschaut habe und dabei glückselig in Erinnerungen schwelgte. Dabei kam mir gleich die Idee zu einem ersten Blog-Artikel, denn wer weiß denn noch, was in den letzten 5 Jahren beim German Masters so alles passiert ist? Nun ja, wagen wir mal einen kleinen Rückblick:

Vorgeschichte

Freilich ist das German Masters nicht der erste Versuch gewesen, ein Snookerturnier in Deutschland zu etablieren. Bereits zwischen 1995 und 1997 fanden in jährlich wechselnden Austragungsorten die German Open statt, ein Ranglistenturnier mit eher mäßigem Erfolg. Die Zuschauerzahlen waren nicht gerade überragend und so verlor das Event 1998 seinen Status und wurde als Einladungsturnier unter dem Namen German Masters fortgeführt. Okay, fortgeführt ist übertrieben, denn es war vorerst das letzte Mal, dass ein Snookerturnier von World Snooker auf deutschem Boden stattfand. Erst 2004 konnte in Fürth ein Event gestartet werden, aus dem später Großes erwachsen sollte. Zum 5-jährigen Vereinsjubiläum des SSC Fürth traten ganze 104 Snookerspieler beim Snooker Grand Prix in Fürth an, darunter die beiden Profis Matthew Stevens und Paul Hunter. Innerhalb weniger Jahre erfreute sich das Pro-Am-Turnier immer größerer Beliebtheit und wurde nach dem viel zu frühen Tod Hunters in Paul Hunter Classic umbenannt. Unterstützt auch vom durchaus vorhandenen Erfolg der World Series of Snooker unter der Flagge von John Higgins wurde mit Barry Hearn die Players Tour Championship (jetzige European Tour) eingeführt und das PHC wurde zu einem Minor Ranking Event. Während der WM 2010 kam dann der Knaller: Die Ankündigung, dass im Februar 2011 ein vollwertiges Ranglistenturnier im Berliner Tempodrom stattfinden soll, sorgte nicht nur bei mir für ungeahnte Jubelstürme.

Fünf Tische, keine Trennwände?

Nicht gerade für Jubelstürme, sondern für Erstaunen, sorgte die Konstellation der Snookertische in der Halle des Tempodroms. Doch was anfangs gerade bei den Spielern Skepsis hervorrief, entwickelte sich in Kombination mit den untypischerweise fehlenden Trennwänden zum Clou und sorgte für Begeisterung. Als Zuschauer auf der Tribüne konnte man frei jedes Match beobachten und auch die Spieler kamen mit der ungewohnten Situation gut klar. Neben der fantastischen Kulisse in der an ein Zirkuszelt erinnernden Arena sorgte auch genau das für die geniale Atmosphäre und den unverwechselbaren Ruf des Turniers. Großen Beitrag daran hat in Deutschland natürlich auch Rolf Kalb, der als Kommentator und Master of Ceremonies nun auch vor der Kamera einem breiten Publikum bekannt wurde.

Das Turnier selbst wurde relativ früh vom Tod des Vaters von John Higgins überschattet. Der Schotte reiste vor seiner Achtelfinalbegegnung mit Marco Fu ab und kann das German Masters seitdem nicht gerade als gutes Pflaster bezeichnen. Über das Achtelfinale kam er in Berlin noch nie hinaus, verpasste zudem schon zwei Mal die Qualifikation dafür (so auch dieses Jahr). Wildcards gab es damals übrigens auch noch, aus deutscher Sicht hätten aber nicht mal die zusammengerechneten Frames von Pawel Leyk, Stefan Kasper und Lasse Münstermann zum Weiterkommen gereicht. Das Finale bestritten Mark Williams und Mark Selby, das der Waliser nach hartem Kampf schließlich für sich entscheiden konnte.

"Nicht mehr wegzudenken"

Spätestens mit dem Turnier 2012 hatte sich das German Masters zu einem festen Bestandteil der Main Tour etabliert und ist aktuell nicht mehr wegzudenken. Die Zuschauerzahlen stiegen von 14.000 im Vorjahr noch einmal deutlich auf 20.000; das ist fast die komplette Woche ausgebucht. Auch ein Sponsor wurde gefunden, was seitdem bis auf 2014 auch weiterhin klappte. Toll schon der Start des Turniers: Publikumsliebling Ronnie O'Sullivan liegt zum Midsession Interval in seiner ersten Partie schon mit 0:4 gegen Andrew Higginson hinten, nur um mit 5 Frames in Serie nicht nur das Match zu gewinnen, sondern wenige Tage später auch im Finale zu stehen. Gegner dort war Stephen Maguire, der sich wie im Rausch ins Endspiel gespielt hatte. Nur 5 Frames gab der Schotte auf dem Weg dahin ab, schlug John Higgins und Shaun Murphy gar zu Null. Beide Spieler lieferten sich ein hochklassiges und spannendes Finale. Maguire führte nach der ersten Session mit 5:3 und erhöhte auch am Abend sofort auf 6:3. Es folgten 5 Framegewinne für O'Sullivan, den anschließend auch das Verkürzen Maguires zum 7:8 nicht störte. Nach einem schieren Kraftakt sackte der Engländer mit dem 9:7-Sieg auf dem Sessel in sich zusammen und begeisterte die 4.000 Zuschauer vor Ort. Achja, zur Titelverteidigung ein Jahr später trat der Exzentriker nicht an.

Captain-Glück in Berlin

Mit einer etwas "netteren" Form des Flat Draws, das inzwischen Standard auf der Main Tour ist, waren 2013 erstmals nicht automatisch die Top 16 für das Event gesetzt. Das sorgte dafür, dass ein paar der größeren Namen fehlten und einige Spieler das Tempodrom beglücken durften, die vorher nicht die Chance dazu hatten. Auch während des Turniers gab es ein durchaus üppiges Favoritensterben zu beobachten, mit Neil Robertson erreichte lediglich ein Top-10-Spieler das Halbfinale. Das Finale bestritten schließlich Captain Ali Carter und Marco Fu. Der Mann aus Hongkong erarbeitete sich nach der ersten Session eine 5-3-Führung, die Carter am Abend im Sturm egalisierte. Nachdem der Engländer mit zwei Centuries losgelegt hatte, konnte Fu schließlich nur nochmal zum 6:6 ausgleichen, ehe Carter mit seinem 6. Framegewinn aus den letzten 7 Durchgängen das 9:6 perfekt machte. Für den Captain sollte es der letzte Turniersieg auf der Main Tour bis zum Paul Hunter Classic 2015 sein, dort ebenfalls wieder auf deutschem Boden.

Verunglücktes Experiment

Mit der endgültigen Einführung des Flat Draws mussten sich die Veranstalter etwas einfallen lassen, um möglichst viele Stars in Berlin zeigen zu können. Die Idee war gut, allerdings nur für die Zuschauer: 64 Spieler waren 2014 im Tempodrom vor Ort, ganze 7 Tische in der Arena verteilt und die Woche knüppelvoll gepackt mit Matches. Verlängert wurde das Turnier nicht, es gab also einfach mehr Matches, mehr Sessions und jeweils 2 unglückselige Spieler, die in einer Nebenarena auf Tisch 8 ihr Match bestreiten mussten. Sozusagen die Höchststrafe für niederen Bekanntheitsgrad. Ronnie O'Sullivan verpasste die Qualifikation für Berlin nach einem mehr als kuriosen Match gegen Thepchaiya Un-Nooh übrigens, reiste dann aber doch an, um etwas Geld in die Kasse zu spülen die Zuschauer glücklich zu machen. Man konnte sich die Bücher des Maestro's signieren lassen (nachdem man sie vorher käuflich erworben hatte) oder für 20 Euro pro Kopf (!!!) ein Foto mit O'Sullivan und der Siegertrophäe machen lassen. Für diesen Gipfel der Geldgier standen die Leute teilweise sogar in einer 30 Meter langen Schlange an, die von der nicht zu beneidenden Security gebändigt werden musste. Snooker gespielt wurde übrigens auch und das sogar recht häufig. Erneut war ein ziemlich ansteckendes Favoritensterben angesagt, obwohl mit Ding Junhui und Judd Trump am Ende dennoch zwei Hochkaräter im Finale standen. Der Chinese gewann mit 9:5 und holte damit seinen vierten von am Saisonende fünf Weltranglistentiteln in einer Spielzeit. Trump hatte eigentlich schon mit 4:2 geführt, ehe sein Spiel zu ungenau wurde und Ding Junhui ihn phasenweise an die Wand spielte. Eine Sonderehre für die Schiedsrichter gab es zum Viertelfinale. Erstmals in der Snooker-Geschichte wurden alle vier Matches von deutschen Referees geleitetet, eine Anerkennung der guten Leistungen.

Maximale Viertelfinalunterhaltung

Man kann nicht wirklich sagen, dass die Leute bei World Snooker komplett lernunfähig wären. Nach dem  etwas zu vollen Turnierplan im Vorjahr kehrte man 2015 wieder zu fünf Tischen und 32 Spielern zurück. Der Beliebtheit des Turniers tat dies keinen Abbruch. Erneut war das Tempodrom an allen Tagen gut gefüllt und mit dem Live-Studio von Eurosport unter der Leitung von Neal Foulds und Jimmy White gab es auch für die TV-Zuschauer mehr fürs Geld. Gern gesehener Gast war dort auch Ronnie O'Sullivan, der sowohl als Spieler als auch als TV-Experte am Turnier "teilnahm". Endstation für den Sieger von 2012 war nichtsdestotrotz das Viertelfinale. Da wären wir schon beim Thema, denn nichts machte das German Masters 2015 so genial wie der Freitagabend. Alle vier Matches des Viertelfinales gingen über die volle Distanz und alle waren auf ihre Art besonders. Ryan Day und Liang Wenbo lieferten sich ein hochkarätiges Duell, bei dem zwischendrin keiner der beiden mehr als einen Frame Vorsprung hatte. Am Ende setzte sich der Chinese durch, auch wenn er eine Runde später von Shaun Murphy gestoppt wurde. Der hatte im TV-Match gegen Ronnie O'Sullivan die Oberhand behalten, obwohl dieser aus einem frühen 0:2 ein 4:2 gemacht hatte. Murphy drehte das Match und gewann auf die letzte Schwarze das packende Duell. O'Sullivan spielte in dieser Partie übrigens eine tolle Total Clearance von 134 Punkten, was allerdings keiner wirklich mitbekam. Denn zeitgleich sorgte Judd Trump ein paar Tische weiter für das Highlight des Abends. Er spielte das erste Maximum Break im Tempodrom, nur um am Ende trotzdem knapp gegen Mark Selby zu verlieren. Das letzte Match des Abends dauerte knapp 4 Stunden und sah Stephen Maguire in einem Not-gegen-Elend-Spiel gegen Neil Robertson triumphieren. Der Australier hatte das Match eigentlich schon in der Tasche, als er bei einer Safety auf Rot auch Schwarz lochte und Maguire so doch kein Snooker mehr brauchte. Geholfen hat es nicht, der Schotte verlor einen Tag später deutlich sein Halbfinale gegen Mark Selby.

Und 2016?

Apropos Selby: Der ist beim morgen Nachmittag startenden Turnier der Titelverteidiger, nachdem er ein Jahr zuvor Shaun Murphy niederringen konnte. Bisher gelang noch niemandem die Titelverteidigung des German Masters und in Berlin gab es zudem immer unterschiedliche Sieger. Die Voraussetzungen sind also denkbar schlecht für den Jester aus Leicester, doch das wird ihn wenig kümmern. Viele Hochkaräter durften in der Qualifikation bereits die Segel streichen, vielleicht sehen wir in diesem Jahr also mal ganz neue Gesichter in einem Endspiel. Ben Woollaston gegen Luca Brecel, das wäre doch mal ein tolles Finale.

So, nachdem ich die beiden nun also mit einem unheilbaren Wird-auf-jeden-Fall-nicht-so-kommen-Fluch belegt habe, bleibt mir nur, euch allen eine wunderbare Woche zu wünschen. Egal ob vor Ort im Tempodrom oder vor dem Fernseher. Habt Spaß und genießt 5 fantastische Snookertage!

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