G0ten's Blog

Offen wie nie - Die große WM-Vorschau

Avatar of GotenGoten - 13. April 2017 - Turniervorschau

Die schönste Zeit des Jahres bricht an. Das Fest der ruhigen Kugeln, der dramatischen Kämpfe, kurz gesagt: Das Fest der Liebe... ach ne, das war was anderes. Die Snookerfesttage im Crucible Theatre von Sheffield sind einfach grandios und das Highlight eines jeden Snookerjahres. Und auch in diesem Jahr wage ich mal wieder ein paar Ausblicke auf die Duelle der ersten Runde und die Chancen der Teilnehmer, doch nie zuvor ist mir das teilweise so schwer gefallen wie diesmal. Das liegt zum großen Teil natürlich daran, dass die Leistungsdichte im Snooker es enorm schwer macht, überhaupt noch einen Favoriten zu finden. Hinzu kommt, dass sich in dieser Saison wohl so viele Spieler wie noch nie mit ihren Leistungen auf den Erhalt der WM-Krone beworben haben. Und dann noch die Tatsache, dass man bei jedem zweiten Qualifikanten den Eindruck hat, dass einer der Gesetzten diesen auf jeden Fall nicht zugelost bekommen möchte. Erstmals sind bei der WM fünf Chinesen dabei... es sind diesmal fünf Debütanten... und so sind es dann auch fünf Spieler, denen ich in diesem Jahr besondere Chancen auf den WM-Titel einräume. Mal sehen, ob ihr sie findet. (In Klammern steht übrigens, die wievielte WM-Teilnahme des Spielers es ist).

 

Mark Selby (13) / Fergal O’Brien (10)

Was für eine Saison des Weltranglistenersten, bei dem es in letzter Zeit schwer fällt, Superlative zu finden. Vier Titel sammelte Selby, zementierte seine Führung in der Weltrangliste auf unbestimmte Zeit und wirkt spielerisch so stark wie nie. Hat er von seinen ersten 11 Endspielen in Ranglistenturnieren nur 3 gewonnen, sind es inzwischen acht Siege aus den letzten 9 Finals. Selby ist als Titelverteidiger auch in diesem Jahr der Riesenfavorit, nicht nur bei den Buchmachern. Die einzige Tatsache, die gegen ihn spricht, ist wohl, dass er die China Open gewonnen hat. Mit O’Brien hat er einen Erstrundengegner erwischt, der durchaus nicht allzu leicht zu spielen ist, andererseits aber auch wenig erreicht hat in letzter Zeit. Im Normalfall eine klare Sache für Selby.

 

Ryan Day (12) / Xiao Guodong (2)

Ich hoffe, der Waliser zittert inzwischen nicht mehr, nachdem er bei den China Open in zuschauender Funktion nur zwei Framegewinne von Mark Williams davon entfernt war, sich für die WM qualifizieren zu müssen. Verdient hat Day den Platz unter den Top 16 nach tollen Leistungen zuletzt auf jeden Fall, allerdings fällt es schwer zu glauben, dass er wirklich eine große Rolle spielen kann. Nie kam Day über das Viertelfinale beim Saisonhighlight hinaus. Sein chinesischer Gegner hingegen hat sich gefangen. Nach seinem katastrophalen Absturz in der Weltrangliste scheint so langsam die Form zurückzukehren. Mit dem Finaleinzug beim Shoot-Out verpasste er knapp seinen ersten Titel und ist nun zum zweiten Mal bei der Weltmeisterschaft dabei. Dass er hier allerdings viel reißen kann, ist unwahrscheinlich. Das Match ist das vielleicht offenste der 1. Runde.

 

Neil Robertson (13) / Noppon Saengkham (1 - Debütant)

Es war eine merkwürdige (also natürlich die beste seiner Karriere wie er selbst sagen wird) Saison des Australiers. Einem guten Saisonstart mit dem Sieg in Riga folgte eine Formkrise, die er erst zu Beginn dieses Jahres überwinden konnte. Das Spiel von Robertson wirkt in letzter Zeit unorganisierter und vor allem unbeständiger, als es mal der Fall war. So kann man ihn nicht zu den Favoriten zählen. Der Thailänder Noppon Saengkham ist nach den guten Leistungen seiner Landsmänner Thepchaiya Un-Nooh und Akani Songsermsawad ein wenig untergegangen, hat sich nun aber erstmals für die WM qualifiziert. Er müsste noch ein Match gewinnen, um in die Top 64 zu kommen und seinen Tourplatz direkt zu verteidigen. Das dürfte gegen Robertson trotz dessen Formschwankungen schwer werden.

 

Marco Fu (17) / Luca Brecel (2)

Ähnlich wie Selby blickt auch Marco Fu auf die wohl beste Saison seiner Karriere zurück, wobei man dazu eigentlich den Teil vor der UK Championship ausblenden sollte. Unheimlich formstark präsentierte sich der Scottish-Open-Sieger zuletzt und zählt damit wohl zu den unterschätztesten Favoriten, wenn ich mir die Wettquoten so anschaue. Fu muss man dieses Jahr im Auge behalten, auch wenn er mit Luca Brecel einen der schwersten Erstrundengegner erwischt hat. Das belgische Talent verbessert sich Schritt für Schritt und passt sich der Main Tour an. Es könnte ein offensiver Schlagabtausch mit absolut offenem Ausgang werden, wenn sich beide in Topform präsentieren.

 

Shaun Murphy (15) / Yan Bingtao (1 - Debütant)

Es war eine Saison mit einigen Höhen, aber auch vielen Tiefen beim Kick-Bekämpfer. Der Sieg in Gibraltar, mit dem er eine mehr als einjährige Durststrecke beenden konnte, war enorm wichtig für den Engländer, der endlich seinen zweiten WM-Titel packen will. Doch davon ist Murphy meiner Meinung nach auch in diesem Jahr noch ein Stück entfernt, zu inkonstant sind seine Leistungen und zu oft beschäftigt er sich mehr mit Dingen, die er schwerlich in seiner Kontrolle hat. Sein ewig andauernder Kampf gegen schlechte Ballkontakte steht ihm anscheinend das eine oder andere Mal unnötig im Weg. Und genau da liegt die größte Chance für Debütant Yan Bingtao. Der junge Chinese hat in dieser Saison für einiges Aufsehen gesorgt und ist ein unangenehmer Gegner. Neben Zhou Yuelong und Zhao Xintong gehört ihm die chinesische Zukunft. Hier steht das frühe Ausscheiden eines Topstars an.

 

Ronnie O’Sullivan (25) / Gary Wilson (1 - Debütant)

Wohl erstmals seit vielen Jahren ist O’Sullivan bei den Buchmachern nicht der absolute Topfavorit auf den WM-Titel. Und das auch völlig zurecht. Dazu hat der Laufbursche zu viele Endspiele im Laufe der Saison verloren, zu viele unnötige und merkwürdige Niederlagen kassiert. Die Titelverteidigung beim Masters täuscht nicht darüber hinweg, dass es nicht rund läuft beim 5-maligen Weltmeister. Erstmals seit der Saison 2010/2011 wird O’Sullivan wohl ohne Ranglistentitel bleiben. Für Gary Wilson hätte die WM-Quali nicht besser laufen können. Maximum Break gespielt und zudem Favorit Michael White mit 10:3 klar geschlagen. Ansonsten lief bei Wilson in dieser Saison aber nicht viel zusammen und um O’Sullivan über diese Distanz im Crucible zu gefährden, braucht es noch eine Menge mehr.

 

Liang Wenbo (6) / Stuart Carrington (2)

Der Chinese hat in dieser Saison endlich den Bann gebrochen und seinen ersten Titel geholt. Dazu gesellt sich das Halbfinale beim World Grand Prix und die Rückkehr in die Top 16 der Weltrangliste. Kann das reichen, um eine Rolle zu spielen bei der WM? Klar, aber für den Titel reicht das nicht. Dazu ist sein Spiel an der einen oder anderen Stelle weiterhin zu aggressiv und zu inkonstant. Aber Liang ist auf dem richtigen Weg. Stuart Carrington schlug in der Qualifikation etwas überraschend Mark Williams und darf nun zum zweiten Mal im Crucible Theatre an den Start gehen. Beim ersten Mal setzte es eine Niederlage gegen Judd Trump und ich kann mir auch diesmal nicht vorstellen, dass Carrington mehr Chancen aufs Weiterkommen hat. Dazu ist Liang Wenbo in letzter Zeit zu gut drauf.

 

Ding Junhui (11) / Zhou Yuelong (1 - Debütant)

Der zweite gesetzte Chinese im Bunde hat eine schwere Saison hinter sich. Der Schicksalsschlag mit dem Tod seiner Mutter während des German Masters und die (mal wieder) viel zu lang anhaltende Formkrise in der Mitte der Saison machen es schwierig, den inzwischen 30-jährigen zum Favoritenkreis zu zählen. Ich tue es aber trotzdem! Mit dem Finaleinzug im letzten Jahr, wo er sich durch die Qualifikation kämpfen musste, sollte Ding seine Abneigung gegenüber dem Crucible Theatre endgültig überwunden haben. Zudem zeigte Ding zuletzt wieder aufsteigende Form und mal ehrlich: Der WM-Titel ist bei ihm überfällig (das schreibe ich bestimmt zum 10. Mal). Zhou Yuelong, der gemeinsam mit Yan Bingtao 2015 überraschend den World Cup gewonnen hatte, arbeitet sich Schritt für Schritt in der Weltrangliste nach oben. Der 19-jährige ist schon ein unheimlich kompletter Spieler und eine Riesengefahr in der 1. Runde. Bei den China Open vor wenigen Wochen behielt Ding im Duell der beiden klar die Oberhand und das sollte auch diesmal so sein.

 

Stuart Bingham (11) / Peter Ebdon (24)

Der Welsh-Open-Sieger spielt eine gute Saison. Nach zuvor vier Halbfinalteilnahmen den Titel in Cardiff zu holen, obwohl zeitgleich schon gegen ihn ermittelt wurde, schaffen wohl nicht viele. Der Fall Bingham zeigt, dass das Glücksspielproblem im Snooker auch Spieler betreffen kann, bei denen man das wohl nie erwarten würde. Erwarten würde ich den zweiten WM-Titel bei Bingham nicht. Das galt allerdings auch schon für den ersten. Mit Peter Ebdon hatte ich zugegebenermaßen bei dieser WM nicht gerechnet, zu schwach waren seine Leistungen in den letzten drei Jahren. Im Normalfall kann das eine klare Geschichte für Bingham werden, aber packt Ebdon sein Kämpferherz aus, wird das eine harte Bewährungsprobe für den Ballrun.

 

Kyren Wilson (3) / David Grace (1 - Debütant)

Viele sind sich einig: Der 25-jährige bald zweifache Papa wird mal Weltmeister. Dazu muss er aber konstanter werden. Mit dem Finale in Indien und zuletzt dem Halbfinaleinzug in Peking zeigte Wilson in einer sonst highlightarmen Saison aufsteigende Form. Dem Engländer braucht man in Sachen Kämpferqualitäten nichts mehr vormachen. Das Viertelfinale wie im letzten Jahr ist drin. Dass sich Kontrahent David Grace hier überhaupt für das Hauptfeld qualifiziert hat, ist schon ein Riesenerfolg für den 31-jährigen. Wenn man ehrlich ist, wird hier aber nicht viel möglich sein. Grace aber wird jeden Frame im Crucible Theatre genießen.

 

Mark Allen (11) / Jimmy Robertson (3)

Der Nordire spielt eine Katastrophen-Saison und ist der Top-16-Spieler, der am schlechtesten in der 1-Jahresrangliste platziert ist. Kommen nicht langsam wieder stärkere Ergebnisse rein, wird Allen in der nächsten Saison seinen Platz in den Top 16 verlieren. Vom WM-Titel ist er damit wohl derzeit so weit entfernt wie Peter Ebdon von einem lockigen Seitenscheitel. Helfen kann Allen allerdings, dass er mit Jimmy Robertson einen durchaus machbaren Gegner zum Start erwischt hat. Der 30-jährige Engländer wartet immer noch auf seinen echten Durchbruch und das erste Viertelfinale bei einem Ranglistenturnier. Bislang konnte Robertson nur 7 Frames im Crucible gewinnen und es erscheint fraglich, dass es in diesem Jahr viel mehr werden.

 

John Higgins (23) / Martin Gould (8)

Der Schotte hat in dieser Saison gar nicht so viel weniger Preisgeld gewonnen als Mark Selby. Leider zählt wenig davon für die Rangliste, da Higgins sich mit der China Championship und dem Champion of Champions zwei große Einladungsturniere schnappen konnte. Zuletzt lief es nicht mehr ganz so rund beim Schotten, doch das schmälert die sehr gute Saison nicht wirklich. Higgins hat meiner Meinung nach bis zum Halbfinale wenig zu befürchten und ist ein guter Kandidat für einen fünften WM-Titel in diesem Jahr. Dafür muss er aber in Runde 1 an Martin Gould vorbei und hat damit wohl das schwerste Los erwischt. Der Pinner Potter hat zwar bis auf das Halbfinale beim German Masters keine wirklich guten Saisonergebnisse vorzuweisen, aber das ist letztlich egal. Gould, der bei der WM noch nie über 2. Runde hinausgekommen ist, wird alles daran setzen, diesen Makel zu beheben. Und auch wenn ich Higgins zu den Titelfavoriten zähle, dieses Match kann in beide Richtungen gehen.

 

Barry Hawkins (12) / Tom Ford (3)

Barry Hawkins ist ein Top-Spieler geworden, den man aus den Top 16 derzeit nicht mehr wegdenken kann. Er liefert gute Ergebnisse, holt ab und zu mal einen Titel oder ein Finale und mogelt sich so oft durch, ohne zu den unmittelbaren Favoriten zu zählen. Bei der WM hatte er die letzten vier Jahre immer mindestens das Viertelfinale erreicht und er hat auch das Spiel, um das erneut zu schaffen. Ob er dann an Trump vorbeikommt, bleibt aber fraglich. Tom Ford spielt seine beste Saison seit langem, und das vor allem auf deutschem Boden. Dem Finale beim Paul Hunter Classic ließ er ein tolles Turnier in Berlin folgen, als er ein Maximum spielte und das Viertelfinale erreichte. Allerdings spielt Ford zu inkonstant und hat zudem noch nie ein Match im Crucible gewonnen.

 

Allister Carter (15) / Graeme Dott (18)

Für Carter, der in dieser Saison die World Open gewonnen und die Rückkehr in die Top 16 geschafft hat, ist die laufende Spielzeit ein ständiges Auf und Ab. Es fällt schwer, den zweimaligen WM-Finalisten einzuschätzen. Carters Form scheint von Turnier zu Turnier zu schwanken, aber zu den Favoriten auf den Titel zähle ich ihn nicht. Und was für eine miserable Saison war das für Graeme Dott? Erstmals seit 2003 erreichte er nicht ein einziges Viertelfinale. Umso mehr freut es mich, dass er sich tatsächlich für die WM qualifizieren konnte. Ich befürchte allerdings, dass der kleine Kämpfer bereits in Runde 1 die Koffer packen muss.

 

Anthony McGill (3) / Stephen Maguire (14)

McGill hat es letztlich wohl der Aufwertung des Shoot-Outs zum Ranglistenturnier zu verdanken, dass er bei der WM erstmals gesetzt sein wird. Der Schotte hat in dieser Saison den Schritt zum Top-Spieler gemacht, nicht nur weil er mit den Indian Open seinen ersten Titel geholt hat. Er gehört zu den 10 erfolgreichsten Spielern der Saison und ist neben Judd Trump und Mark Selby der einzige, der 2 (oder mehr) Ranglistentitel gewinnen konnte. Dennoch dürfte spätestens im Achtelfinale gegen Judd Trump seine WM wohl bereits beendet sein. Im letzten Jahr hatte sich Maguire noch knapp in den Top 16 halten können, in diesem Jahr musste er sich nun für den Saisonabschluss qualifizieren. Das hat er zwar souverän geschafft, doch wartet der Schotte nun schon seit 2012 auf einen Match-Sieg im Crucible Theatre. Nach einer erneut schwachen Saison lässt sich nur schwer Hoffnung aufbauen, um Maguire in Sheffield viel mehr als das Achtelfinale zuzutrauen. Das schottische Duell kann damit wohl wie viele Matches in beide Richtungen gehen, ein Favorit scheint schwer auszumachen.

 

Judd Trump (8) / Rory McLeod (3)

Gäbe es nicht Mark Selby, wäre Trump wohl der glasklare Spieler der Saison. Fünf Endspiele bei Ranglistenturnieren (mit zwei Titeln) und einer Formkurve, die höher nicht sein könnte. Der Engländer spielt ein grandioses Jahr und hat sein Spiel nahezu perfektioniert. Zu seinem brandgefährlichen Lochspiel gesellt sich inzwischen ein gutes taktisches Verständnis, mit dem er auch zerfahrene Matches gewinnen kann. Keine Frage, Trump gehört dieses Jahr zu den Top-Favoriten. Und mal ehrlich: Der WM-Titel ist bei ihm überfällig (irgendwoher kenne ich den Satz). Sein Erstrundengegner wird Rory McLeod sein.

 

Wer aufgepasst hat, dürfte die fünf Namen erkannt haben, denen ich in diesem Jahr den WM-Titel zutraue bzw. die ich zum engsten Favoritenkreis zähle: Mark Selby, Marco Fu, Ding Junhui, John Higgins und Judd Trump. Womit dann auch klar sein dürfte, auf wen ihr euer Geld lieber nicht setzen solltet, betrachtet man meine bisherigen Voraussagen im Laufe der vergangenen Saison. Aber nun genug des Geredes, lassen wir es einfach drauf ankommen. Ich wünsche uns allen 17 fantastische Snookertage mit ganz vielen Highlights, einem würdigen Weltmeister und grandioser Snookerunterhaltung von früh bis spät!

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