G0ten's Blog

Tierisch Walisisch (Gastblog)

Avatar of GotenGoten - 19. Februar 2017 - Turnierberichte

Dragons vs Aliens

Nachdem ich im Dezember die erste Runde der Scottish Open in Glasgow verfolgt hatte, entschloss ich mich spontan noch zum Besuch des letzten Turniers der Home Nation Series, dem Welsh Open, und war für die ersten beiden Runden vor Ort in Cardiff. Dort trinkt man Cider statt Whisky und isst Pie oder Welsh Rabbit statt Haggis, aber ich habe es überlebt. Zurück auf meinem heimischen Logenplatz vor dem Fernseher hier meine Eindrücke von den Geschehnissen rund um den walisischen Snookertisch.

Welsh Dragon an Welsh Rabbit

Welsh Dragon an Welsh Rabbit

Zunächst wieder ein paar Worte zu Venue und Organisation:

Die Motorpoint Arena liegt mitten im Stadtzentrum von Cardiff und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar. Der Saal ist nicht nagelneu, aber stimmungsvoll.

Sicherheitsleute und Servicepersonal sind ausgesprochen freundlich, ich wurde am 2. Tag schon wie eine alte Bekannte begrüßt. Die Ordner im Saal hätten ruhig etwas autoritärer durchgreifen können was das Herumlaufen während der Matches angeht.

Die Sitze auf den Tribünen sind sehr bequem. Allerdings sollte man die Lüftungsanlage nochmal justieren, denn an einigen Plätzen wehte es ziemlich.

Die Sicht auf die Tische ist gut. Nicht gut ist, dass man nur von unten auf die Tribünen kommt, also immer Gefahr läuft, auf dem Weg zum Tribünenaufgang die Spieler zu stören. Für die Spieler ist es noch unpraktischer, was Marco Fu und Martin Gould während ihres Erstrunden-Matches demonstrierten: Als sie Tisch 2 verlassen wollen, dauert es trotz guter Zusammenarbeit der beiden eine ganze Weile, bis sie durch die Mittelgasse hindurch alle 6 Außentische sicher passiert haben. Auch als Zuschauer gestaltet sich der Weg zu einigen Außentischen schwierig. Am besten macht man es wie die Spieler und behält den Schiedsrichter im Blick, der sich nebenbei als Verkehrspolizist betätigt und einen durchwinkt, wenn der Weg frei ist.

Essens- und Getränkestand sind in Cardiff im Foyer aufgebaut. Mit Ausnahme des Teegebäcks fand ich das Speisenangebot dort allerdings überhaupt nicht ansprechend. Zum Glück gibt es im Stadtzentrum, z. B. in der schönen Fußgängerzone, genügend Möglichkeiten, sich günstig und gut mit Nahrung zu versorgen. Getränkeangebot und -preise im Venue gingen m.E. in Ordnung. Gut fand ich auch, dass in der Cafeteria ein Monitor mit den Spielständen steht, so dass man rechtzeitig zu Frameende wieder in den Saal gehen kann. Dies ist auch die zuverlässigste Informationsquelle für die Tischbelegung, denn die Order of Play hängt zwar aus, wird aber leider nicht aktualisiert. Im Foyer gibt es außerdem einen Stand, der eine gute Mischung an nützlichen Snooker-Utensilien und Fanartikeln anbietet, wie z.B. T-Shirts mit graphischer Veranschaulichung der Fuß-auf-dem-Boden-Regel ;)

Das Publikum verhält sich am 1. Tag sehr rücksichtsvoll, und sogar während der Abendmatches ist es meist mucksmäuschenstill im Saal. Der Besuch an den TV-Tischen ist auch tagsüber durchgehend gut, v.a. natürlich bei walisischer Beteiligung.

Bingham v Stevens ist mein persönliches Auftaktmatch am Montagmittag und rückblickend das beste Match, das ich in den ersten beiden Runden sehe. Stuart Bingham legt direkt mit einem Century los, aber "The Welsh Dragon" schafft den sofortigen Ausgleich. Dabei verliert er jedoch seinen Sponsoren-Badge und auch direkt den nächsten Frame. Eine freundliche Helferin näht den Badge mit einigen Stichen wieder an, und prompt geht der nächste Frame wieder an Stevens. Ich spekuliere noch darüber, ob diese Badges vielleicht außer ihrer Werbe- noch eine Schutzfunktion haben, da holt sich Bingham mit gutem taktischen Spiel und tollen langen Bällen Frame 5, 6 und Match. Die Zuschauer sind merklich geknickt ob des Ausscheidens ihres walisischen Vertreters, aber sie applaudieren begeistert, wenn Stuart einen seiner wunderbaren langen Einsteiger locht, und verhalten sich fair. Noch.

Auch "The Dragon" Ding Junhui, verliert sein Auftaktmatch gegen einen solide spielenden Robin Hull. Weil MJWilliams v Slessor am TV-Tisch zu lange brauchen, wird die Partie an Tisch 3 verlegt, was einen Massenumzug der chinesischen Fans zur Folge hat. Obwohl das Match nicht in ihrem Sinne verläuft, sind auch sie ein gutes und faires Publikum. Im 4. Frame liegt ein gruseliges Bild auf dem Tisch, an dem allenfalls Mark "The Shark" Selby hätte Gefallen finden können. Nachdem Ding die einzigen freien Roten sicher gelocht hat, entspinnt sich ein langes Hin- und Her, bei dem sich die restlichen Roten aber nur noch mehr an die Kopfbande klammern. Schließlich krempelt Hull die Ärmel hoch und macht sich ans Aufräumen. Belohnt wird diese Schwerstarbeit mit dem letztlich entscheidenden Framegewinn für ihn.

Mit Willo bleibt ein weiterer prominenter Waliser in Runde 1 auf der Strecke. Das Match gegen Elliot Slessor gestaltet sich zäh und langatmig. Bevor auch ich zu Tisch 3 flüchte, höre ich noch, wie eine Dame hinter mir ihrem Begleiter zuraunt: "He's Swedish, isn't he?" Das war kein gutes Omen für Slessor: Der Swedish Shortsnout ehrenhalber muss in Runde 2 erfahren, dass Cardiff heuer kein gutes Pflaster für Drachen ist.

Die Partie Maflin v Fang wird ebenfalls an einen Außentisch verlegt, weil der walisische Amateur Jackson Page und der Engländer Jason Weston an Tisch 2 nicht im Drachen- sondern im Schneckentempo spielen. Leider verpasse ich daher den größten Teil des Matches, aber Norwegian Ridgeback Kurt Maflin hat Fang Xiongman im Griff und wehrt sich bis zum Viertelfinale erfolgreich gegen das Drachensterben. Dort fällt er jedoch Robert Milkins zum Opfer, der sich in Wales offenbar so wohl fühlt wie ein "Cider-Drinker" im Apfelwein. Schon in seinem Zweitrundenmatch gegen Eden Sharav hatte er stark gespielt.

Auch das Zweitrundenmatch von Barry Hawkins gegen Tian Pengfei wird wegen Überlänge des TV-Matches Liang v White auf einen Außentisch verbannt. Dort zieht "The Hawk" einsam seine Kreise. Ich sitze im Dunkeln und genieße die private Galavorstellung inklusive schönem Century, die in einem Whitewash resultiert.

Zwar wirkt Waliser Michael White in der 2. Runde gegen Chinese Fireball Liang Wenbo nach verspielter 3:1-Führung im Decider zunächst wie das Kaninchen vor dem Drachen, mutiert dann aber kurzzeitig zum Killer Rabbit of Castell-nedd, holt die benötigten Foulpunkte und erreicht die 3. Runde. Dort wird ihm jedoch von Robbie Williams das Fell über die Ohren gezogen.

Waliser Ryan Odo Day, am Sonntag noch Finalist des World Grand Prix, setzt sich in Cardiff direkt am nächsten Tag in Runde 1 gegen David Gilbert durch. In Runde 2 wandelt er seine Form dann zum schlechteren und unterliegt eindeutig gegen den stark spielenden und geschmeidig um den Tisch tigernden Thepchaiya Un-Nooh.

Eher mit einem Dinosaurier als einem Drachen (und das sage ich voller Respekt und Zuneigung) hat es Neil Robertson in seinem Erstrundenmatch gegen Jimmy White zu tun. Beide beginnen furios: Century Neil, Century Jimmy, Century Neil, aber das war's dann für den "Whirlwind". Robbo Targaryen fackelt nicht lange und erreicht ungefährdet die 2. Runde. Dort geht er zunächst gegen den Waliser Lee Walker u.a. mit 2 Centuries 3:1 in Führung. Die 133er TC fand ich wunderschön, die anschließende 143er TC war einfach nur "WOW!" Ich sah in diesem Moment Robertson schon als den Turniersieger vor mir. Aber Walker betätigte sich erneut erfolgreich als Framedieb, erzwang den Decider und beendete das Match seinerseits mit einem Century. Das Publikum, das zunächst durchaus wohlwollend die Robbo-Gala bestaunt hatte, wurde zunehmend laut und parteiisch. Diese Tendenz scheint sich in den höheren Runden auch nach Ausscheiden der walisischen Spieler fortzusetzen.

Bedenklich ist, dass neben Robbo auch andere Nicht-Drachen am Fafner-Syndrom zu leiden scheinen: Wie der Lindwurm ruhen sich z. B. auch O'Sullivan, Bingham und White nach dem Motto "Ich lieg und besitz, lass mich schlafen" auf ihren gehorteten Frames aus. So lehren sie ihre Gegner natürlich nicht das Fürchten und riskieren, dennoch bezwungen zu werden.

Nach einem in Teilen völlig verrückten Turnierverlauf ist es schon eine Überraschung, dass tatsächlich zwei Top-8-Spieler das Finale erreicht haben.

Für Judd Trump, der sich im Achtelfinale mühsam aber erfolgreich der Assimilation durch das Borg-Kollektiv widersetzt hatte, war dies nicht die letzte Alien-Invasion, die er hier bekämpfen muss. Nachdem er sich im Halbfinale erfolgreich weigerte, die Mission an Commander Scott McDonald abzutreten, kommt es im Finale zur Konfrontation mit den Frogs, deren Repräsentant im Halbfinale mit Overkill den Milchstraßenmann eliminierte.

Irgendwie sind wir jetzt von den Drachen bei den Aliens gelandet, aber für Snooker-Drachen herrschte dieses Jahr in Wales offenbar ein schlechtes Klima.

Meine Dragon Awards gehen an:

- Neil Robertson aka Robbo Targaryen, dessen 4 Centuries die schönsten sind, die ich bisher live gesehen habe

- Norwegian Ridgeback Kurt Maflin, der es als einziger Snooker-Drache ins Viertelfinale geschafft hat

Den Goldenen Drachen der Weisheit möchte ich dem Turnierdirektor "Welshref" Paul Collier verleihen, der die wahre Kunst des Drachenzähmens beherrscht: Zwar weiß ich nicht, ob es sich bei "seinem" Drachen um Y Ddraig Goch oder einen Common Welsh Green handelt, aber seine Tweets lassen darauf schließen, dass sie in Harmonie und Symbiose leben.

Iechyd Da!

 

(@briglexuc)

Die Autorin ist überzeugte Rheinländerin und in den Gebieten Philologie und Musik zu Hause. Snookerfan bin ich seit dem Masters 2010.

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