G0ten's Blog

Schottisch kariert (Gastblog)

Avatar of GotenGoten - 17. Dezember 2016 - Turnierberichte

 

Als ich im Mai von der Neuauflage der Scottish Open im Rahmen der neugeschaffenen Home Nations Series hörte, war für mich als großen Schottland-Fan klar: Da muss ich hin! Immerhin die ersten beiden Turniertage konnte ich vor Ort in der Emirates Arena in Glasgow erleben. Zurück auf meinem heimischen Logenplatz vor dem Fernseher bei einem passenden, typisch schottischen Getränk hier meine Eindrücke der ersten Runde mit besonderem Augenmerk auf die "Local Heroes", Modisches und Vermischtes.

Denn angesichts eines Turniers auf schottischem Boden stellten sich mir und anderen auf Twitter gewisse Fragen zu den Rahmenbedingungen:

Gibt es ein Pibroch als Walk-On? Wird auf Tartan-Cloth gespielt? Tragen die Spieler Kilts? Mit Sporran als neuer Variante des  Kreidetäschchens? Würde das heimische Publikum die Spiele zünftig mit einem Bier in der Hand verfolgen?

Um es kurz zu machen: Nein, nein, nein, nein und ja!

Das Thema Snooker-Mode kommt ja auch auf Twitter immer mal wieder zur Sprache und war für mich bei diesem Turnier von besonderem Interesse. Leider war "McDing" in seiner neuen grau-schwarz karierten Kombination gar nicht in Glasgow angetreten, und McManus hat seine Tartan-Trousers nach der WM für einen wohltätigen Zweck versteigert. Ich war also gespannt, ob einige der schottischen Spieler sich bei der Wahl ihrer Turnierkleidung von der heimatlichen Kulisse inspirieren lassen würden. Letztendlich war aber Darryll Hill von der Isle of Man der einzige Spieler, den ich hier in Tartan-Muster spielen sah.

Zunächst noch ein paar Worte zu Venue und Organisation:

Die Emirates Arena ist ein sehr schöner, neuer Austragungsort, direkt gegenüber vom Celtic Park gelegen und günstig mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Zentrum aus zu erreichen.

Ordner, Sicherheitsleute, Servicepersonal etc. sind gastfreundlich und hilfsbereit, es herrscht eine entspannte Stimmung. Das Essen in der Cafeteria ist gut und die Preise sind angemessen, ebenfalls bei den Getränken in den zahlreich aufgestellten Getränkeautomaten.

Ich hatte von allen Plätzen, die ich ausprobiert habe, gute Sicht. Lediglich ganz unten hat man naturgemäß keinen guten Blickwinkel auf den Tisch. Wenn man weiter oben sitzt, kann man trotz der WS-Trennwände problemlos mehrere Tische parallel verfolgen.

Als mein persönliches Auftaktmatch am Montagmorgen habe ich die erste rein schottische Partie des Turniers auserkoren, und ich werde nicht enttäuscht: Rhys Clark und Eden Sharav geben sich und uns ca. 6 Zuschauern an Tisch 6 direkt die volle Distanz. Währenddessen ist genügend Zeit, sich auch über die Kleidung Gedanken zu machen, und da beweisen beide guten Geschmack. Clark spielt in klassischem Schwarz, Sharav in einer Weste mit weinrotem Rückenteil, farblich perfekt auf die WS-Banden abgestimmt. Das Problem des aus der Hose herausrutschenden Hemds, mit dem manche Snookerspieler zu kämpfen haben, versucht er dadurch zu lösen, indem er darunter Shorts in demselben Rot trägt. Die Lösung ist noch nicht ganz ausgereift, aber immerhin ein Zeichen von modischer Kreativität.

Ein krasses Gegenbeispiel am Tisch direkt daneben ist die Jamaika-Kombination von Li Hang, und auch sonst beweisen einige Spieler in puncto Weste zwar Mut zur Farbe aber kein glückliches Händchen.

Im zweiten Schottenduell treffen am Montagmittag dann Alan McManus und John Higgins aufeinander. Dritter Mann am Tisch ist die Schiedsrichter-Legende Leo Scullion: Schottischer wird's nicht! Higgins gediegen in schwarzer Weste und weißem Hemd, McManus dynamisch in schwarzer Kombination mit hellblauem Westenrücken, Scullion trägt seinen schwarzen Anzug mit autoritärer Nonchalance. Alan McManus holt sich zwar mit einem wunderschönen Break den ersten Frame und erfreut das Publikum mit einigen Kunststückchen am und kleinen Jonglier-Einlagen neben dem Tisch, aber danach läuft es nicht mehr gut für ihn, und sein Auftritt beim Scottish Open endet nach 5 Frames.

Während noch die letzten Nachmittags-Matches laufen und wir uns an Tisch 2 Mühe geben, den Hawk angemessen anzufeuern, übernimmt beim Publikum schon die Abendschicht. Das sind die Zuschauer, die vermutlich zum Trump-Match wollen, ohne Rücksicht auf das Spielgeschehen quer durch die Sitzreihen latschen und nicht klatschen, wenn Hawkins souverän seinen Whitewash durchzieht. Aber mit einem Bier in der Hand applaudiert es sich vermutlich auch schlecht.

Im Abendmatch wende ich mich angesichts des Colour-Clashs zwischen Mark Allen (grün) und Christopher Keogan (lila) lieber dem Trump-Match am TV-Tisch und dem ästhetischen und dadurch irgendwie tröstlichen Anblick von "Germanref" Marcel Eckardt zu.

Der Dienstagmorgen startet furios: Wirbelwind Jimmy fegt über Tisch 2  und bereichert das Turnier zur Freude seiner anwesenden Fans um einen weiteren "White"-wash. In seiner dunkelblauen, auf mich etwas antiquiert wirkenden Zweireiher-Weste kann er zwar mit den smart gewandeten Herren am Nebentisch modisch nicht mithalten, aber das ist bei einer solchen Legende irrelevant. Es ist einfach toll zu sehen, dass er auch hier in Schottland so treue Anhänger hat, und das macht dieses Match in emotionaler Hinsicht zu einem besonderem Erlebnis.

Währenddessen muss nebenan am TV-Tisch Dompteur Leo Scullion nicht nur Ali Carter und Thepchaiya Un-Nooh sondern auch seine eigenen Landsleute auf der Tribüne in Schach halten, was ihm in beeindruckender Weise gelingt.

Nachmittags bei O'Sullivan v Selt wird das Publikum leider zunehmend rücksichtslos und rennt mitten während des Frames herum; dies bessert sich auch im weiteren Tagesverlauf nicht.

Im Anschluss präsentiert sich der von der Anzeigetafel zum Mitglied des Murray-Clans geadelte Shaun Murphy stilsicher in blauem Tuch. Die Schuhe dazu sind allerdings ein absolutes NoGo und übertreffen darin sogar noch die Stachel-Latschen von Judd Trump, die in natura nicht ganz so schlimm aussehen wie im Fernsehen.

Danach bekomme ich noch mit, wie der Sheriff den Schotten Fraser Patrick trotz 3:1 Vorsprung im Decider dingfest macht. Zeitgleich sorgt am Nebentisch ein berüchtigtes Ebdon-Match für Tiefenentspannung.

Abends dann Schotten an beiden Haupt-Tischen: Ross Muir geht im Decider gegen Gareth Allen baden, während Stephen Maguire nebenan bei seinem Whitewash gegen Zhou Yuelong nichts anbrennen lässt. Vorher hatte dort schon ein außerirdisch gut spielender Neil Robertson zwei Centuries abgeliefert. Auch in modischer Hinsicht erfreute Robbo mit einer schlicht schwarzen, aber perfekt auf den Leib geschneiderten und wie angegossen sitzenden Weste.

Damit endeten Runde 1 und auch mein Turnierbesuch. Von den zwölf gestarteten Schotten hat es immerhin der Wizard of Wishaw ins Halbfinale geschafft, was die Glaswegians bestimmt freut (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen steht er sogar im Finale).

Mein Fazit zu den Scottish Open fällt insgesamt positiv aus. Sowohl Venue als auch Atmosphäre haben mir sehr gut gefallen.

Wenn ich auch kein Freund von übertriebener Folklore bin, könnte allerdings eine kleine Dosis geschmackvoll eingesetztes Lokalkolorit nicht schaden, um dem Turnier einen eigenen, "schottischen" Charakter zu verleihen.

Meine Fashion Awards in Runde 1 gehen an:

Spieler: Neil Robertson

Innovationspreis: Eden Sharav

Schiedsrichter: Leo Scullion und Marcel Eckardt (unentschieden)

Aber unschlagbar ist am Ende das T-Shirt eines Zuschauers mit der Aufschrift:

"I still believe in Hendry VIII"

Es kann halt nur einen geben ;)

Slàinte!

 

(@briglexuc)

Die Autorin ist überzeugte Rheinländerin und in den Gebieten Philologie und Musik zu Hause. Snookerfan bin ich seit dem Masters 2010.

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1 comments

Theres

17. Dezember 2016

Tolle Eindrücke

Da ich Twitter meide, schreib ich hier:

Ein sehr gelungener Artikel und ich fühlte mich, als wäre ich live dabei gewesen, und nicht nur an Player, Handy oder Tv :) Der Style Award ist verdient, find ich ja, und einen grauen Wintertag mit breitem Schmunzeln zu beginnen, ist unbezahlbar :) Vielen Dank dafür!