G0ten's Blog

Hamlet braucht Snooker (Gastblog)

Avatar of GotenGoten - 01. Mai 2016 - Spieler

Von meinem Logenplatz auf dem heimischen Sofa verfolge ich auch 2016 wieder die Snooker-WM im Crucible-Theatre. In die 17 Tage von Sheffield fällt auch in diesem Jahr wieder ein - zumindest für mich als Theaternarren - ganz besonderer Tag: Der Geburts- und Todestag des britischen Dramatikers William Shakespeare. Heuer jährt sich letzterer zum 400. Mal, was mir als Shakespeare-Verehrerin und Snooker-Addict Anlass genug ist, über Snooker als "Theatersport" und die Parallelen zwischen den Dramen auf der Bühne und am grünen Tisch nachzusinnen.

Allein das Theater als Location spricht für sich. Selbst als Fernsehzuschauer zieht mich dieser Hexenkessel, getarnt als Zuschauerraum, magisch in seinen Bann. Wenn dann noch in der 1. Runde zwei Kontrahenten aus Leicester und Gloucester aufeinandertreffen, sind wir schon mittendrin in Shakespeares Drama um Richard, Duke of Gloucester / King Richard III, der bei Leicester auf dem Schlachtfeld fiel. Auch der (noch) amtierende Herrscher der Weltrangliste mag sich in mancher Safety-Schlacht "My ranking-position for a Comeback" gedacht haben, musste solche Comebacks aber auch selbst des Öfteren abwehren.

Hinsichtlich des Textes ist Snooker klar im Nachteil, da dieser sehr überschaubar und zudem fast ausschließlich dem Schiedsrichter vorbehalten ist. Doch gute Schiedsrichter vermögen auch ihrer vom Textumfang her scheinbar kleinen Rolle Glanz zu verleihen, sie sogar auszubauen: Wie etwa Jan Verhaas mit seiner ganzen Autorität "Don't move" ins Publikum donnert, ist eines Henry V vor Agincourt würdig und kann durchaus als Hommage an den St. George's Day (ebenfalls 23. April) aufgefasst werden. Immerhin die Rolle des Chorus in diesem Königsdrama ist etwas großzügiger mit Text bedacht, was der unerreichte Rob Walker als MOC genüsslich auskostet. Und schließlich haben wir ja im Fernsehen auch noch Rolf Kalb zu bieten, der die deutschsprachigen Zuschauer mit Snooker-Poesie verwöhnt!

Bei der Choreographie ist Snooker dem Shakespeare-Drama zuweilen überlegen: Wie in der 1. Runde Shaun Murphy mit Marcel Eckardt sowie in der 2. Runde Ronnie O'Sullivan mit Brendan Moore in wundervoller rhythmischer Harmonie den Tisch umkreisten, stellte für mich in ästhetischer Hinsicht so manchen Pas des Deux in den Schatten. Dafür dürfte Shakespeares Bühnenmusik besser sein, als die meiste Walk-On-Music im Crucible!

Auf anderen Gebieten wiederum liegen Snooker- und Shakespearedrama im Head-to-Head gleichauf: Was z.B. die Distanz betrifft, kann ein WM-Match es durchaus mit den längeren Shakespearestücken aufnehmen. Beide Arten von Drama haben auch gemeinsam, dass sie ihr wahres Potential nur im großen Format voll ausschöpfen können, da ihre charakteristische Dramatik erst über die lange Distanz entwickelt.

Beim Gesamtformat hat die WM sich Shakespeare sogar direkt zum Vorbild genommen und präsentiert sich im Crucible erfolgreich als ein Snookerdrama in 5 Akten.

Auch der Verlauf eines einzelnen Matches kann sich an dieser Struktur orientieren.

Shakespeares Tragödien haben die Form des klassischen Dramen-Dreiecks, um beim Zuschauer emotionale Anteilnahme und seelische Katharsis zu erreichen. Dies gelingt im Snooker, wenn die Dramaturgie des Matches das Publikum emotional stark beansprucht. Auf halber Strecke kann z.B. plötzlich das Kräfteverhältnis kippen: Der bis dahin zurückliegende Spieler übernimmt die Initiative - bei Shakespeare Counterplot, beim Snooker Comeback genannt - und der, der bis dahin wie der sichere Sieger aussah, geht der Katastrophe einer Niederlage entgegen. Ein solches Scheitern und der Schlussmonolog des tragischen Helden in der Pressekonferenz kann auch uns als Snookerfans das Herz zerreißen und zur seelischen Anteilnahme bewegen.

Was die Romantik angeht, sehe ich Snooker in den Stats vorne: Wenn bei Shakespeare Liebe unter Gegnern vorkommt, ist es eine Tragödie namens Romeo and Juliet und geht mit nicht unter zwei Toten aus. Im Crucible dagegen fällt das eindeutig und zum Vergnügen aller unter die Rubrik Komödie.

Apropos Komödie: Aus den DRAMATIS PERSONAE der Merry Wives of Windsor hat auch Pistol wieder den Weg nach Sheffield gefunden (auch wenn er äußerlich eher seinem Shakespeare'schen Arbeitgeber ähnelte). Und mit dem Jester von Leicester verfügt das Snooker-Theater über seinen eigenen Titular-Narren, "a fellow of infinite jest, of most excellent fancy", der allerdings auch dafür berüchtigt ist, im oben geschilderten Dramen-Dreieck den Counterplot einzuläuten und mit den Nerven von Publikum und Gegner gleichermaßen Scherz zu treiben: "do but jest, torture in jest, no offence in the world".

An die blutrünstigeren Shakespeare-Tragödien dagegen fühle ich mich bei den Tweets über den Ausgang des ersten Frames erinnert, die mit den Worten "First Blood" zu beginnen pflegen und bei denen ich immer ein gewisses Frösteln verspüre. Wahrlich nichts für zarte Gemüter!

In Shakespeares Paradedisziplin liegt, was den Verschleiß an Protagonisten angeht, Hamlet weit vorne, und in meinen Augen glich auch die diesjährige WM in mehr als einer Hinsicht der "Tragödie um einen Mann in Schwarz": Das Favoritensterben hatte schon etwas vom "Last Man Standing"-Prinzip des berühmtesten aller Shakespearedramen. Und wie so oft, wenn Brendan Moore Regie führt, kann auch ein Snooker-Match am Ende durch ein "Judgement by Decider" entschieden werden, das in seiner Tragik dem Finale des Hamlet in nichts nachsteht.

Während es aber letztes Jahr selbst in diesem "Bloodsport" bisweilen Zeichen christlicher Nächstenliebe im Geiste von "But whosoever shall smite thee on thy right cheek, give to him your shoes also" gab, hatte sich Barry Hawkins heuer Choderlos de Laclos' Maxime "Revenge is a dish best served cold"  auf die Fahnen geschrieben. Leider hieß es für ihn dann jedoch nicht All's well that ends well, sondern er fand er sich im nächsten Akt des Snookerdramas unter genau umgekehrten Vorzeichen unerwartet in der Rolle des Hamlet-Gegners Laertes wieder: "The foul practice hath turned itself on me. The king, the king's to blame!"

Es bleibt abzuwarten, ob dieses Jahr im Crucible in der Tat eine Neuinszenierung des Hamlet gegeben wird, wo der Thron am Ende einem Außenseiter aus der Fremde zufällt, oder ob sich das Drama nicht doch zur Komödie wandelt, wo dem Spaßmacher der Epilog zuteilwird.

"Last but not Least": Der theatralische Aberglaube vom Crucible-Fluch

Nachdem der Fluch in diesem Jahr schon in Runde 1 zuschlug und sich mit Titelverteidiger Stuart Bingham sein neuestes Opfer holte, lohnt es sich, auch hier die Parallelen zu Shakespeare zu untersuchen. Das Drama, das mir dabei spontan einfällt, ist das von abergläubischen Theaterlegenden umrankte so genannte Scottish Play, dessen Name unter Theaterleuten nicht genannt werden darf.

In diesem Jahr ist die WM tatsächlich ein ziemlich schottisches Stück: 5 Schotten gestartet, 3 unter den letzten 16, 2 im Viertelfinale, 1 im Halbfinale. Leider gestatten die strengen Vorschriften bezüglich des Kostüms den schottischen Spielern nicht, zum Match "dressed in Kilt" anzutreten, was zumindest der weibliche Teil des Publikums sicherlich begrüßen würde. Immerhin präsentierte sich Alan McManus im Halbfinale in Hose und Weste in Tartan-Optik. Die gute (Los-)Fee Barry Hearn hatte ihm gleich zweimal den Wunsch nach einem seiner schottischen Kollegen als Gegner erfüllt, und aus beiden Scottish Matches ging "Angles" als Sieger hervor. Seine anschließenden Auftritte bei der  Pressekonferenz, gemäß dem Motto "Those, that understood him, smiled, but for my own part,it was Scots to me", stellten in puncto Comic-Relief die Porter-Scene locker in den Schatten. Auch in dieser Hinsicht ist es sehr schade, dass seine Rolle hier im 4. Akt endete.

Aber wenden wir uns wieder dem Problem des Fluches zu. Über dessen Ursprung kann ich nur spekulieren. Hat vielleicht ein enttäuschter Weltmeister, der seinen Titel beim Wechsel ins Crucible nicht verteidigen konnte, den Rat "Schlag nach bei Shakespeare" befolgt und die Snooker-Götter nach dem Vorbild des Scottish Play (Hexenszene Akt IV)  in Blankversen beschworen: "Henceforth his Snooker maiden title shall / No man defend e'er at the Crucible!"? Wir werden es wohl nie erfahren. Vielleicht wird der Fluch ja eines Tages doch gebrochen, und nicht "nur" à la Tolkien. Es bleibt spannend.

Fazit: Shakespeare und Snooker ergänzen sich kongenial! Um hier den Snooker-Theaterkritiker Rolf Kalb zu zitieren: "Hätte Shakespeare ein paar hundert Jahre später gelebt, er wäre Snookerfan!" Ich schließe mich dieser Einschätzung uneingeschränkt an und hoffe auf viele weitere Gastspiele im Crucible!

Und jetzt "Let's to Snooker"

Allen ein spannendes Finale!

 

(@briglexuc)

Die Autorin ist überzeugte Rheinländerin und in den Gebieten Philologie und Musik zu Hause. Für Shakespeare habe ich mich schon als Jugendliche begeistert, Snookerfan bin ich seit dem Masters 2010.

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