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Hearns 5-Jahresplan und Halbfinalcheck

Avatar of GotenGoten - 30. April 2015 - Turnierberichte, Ankündigungen

Was für ein Tag bei der Snookerweltmeisterschaft in Sheffield! Das Viertelfinal-Ende bot nicht nur spannende (und überraschende) Entscheidungen, sondern auch eine krachende Pressekonferenz von Barry Hearn mit teils unerwarteten Ankündigungen.

Der Vorsitzende von World Snooker warf als erstes einen Blick zurück: Seit der Übernahme im Juni 2010 hat sich das Preisgeld von damals 3,5 Mio £ auf inzwischen 8 Mio £ erhöht. Damit hat man deutlich mehr Preisgeld ausgeschüttet, als den Spielern vor 5 Jahren von Hearn garantiert wurde. In Zahlen sind das wohl mehr als 12 Mio £ über dem Plan.

Der wichtigere Teil jedoch war der Ausblick auf die nächsten 5 Jahre:

- Alle Turniere außer der Weltmeisterschaft werden das flache 128'er Format bekommen, es starten also alle Spieler in der gleichen Runde. Die einzigen beiden Turniere, bei denen das noch nicht sofort möglich ist, sind die Australian Open und das Shanghai Masters. Diese werden nach dem Auslaufen der aktuellen Verträge angepasst.

- Die Weltmeisterschaft bleibt komplett unverändert! Das beinhaltet sowohl das Format, die Gesetzten, die Distanzen und auch die Qualifikation. Es werden also auch in den nächsten Jahren 3 Runden nötig sein, um einen Platz in der WM zu bekommen, sofern man nicht in den Top 16 ist.

- Wie bereits vor der Pressekonferenz bekannt war, soll die WM auch langfristig im Crucible Theatre bleiben. Verhandlungen dazu laufen bereits.

- Das insgesamt verteilte Preisgeld bei der WM soll für die Saison 2017/2018 auf 2 Mio £ steigen, der Sieger erhält 500.000 £ (aktuell knapp 1,4 Mio £, Sieger 300.000 £).

- Das insgesamt auf der Main Tour verteilte Preisgeld soll für die Saison 2015/2016 auf 8,5 Mio £ steigen, für die Saison 2016/2017 sogar auf 10 Mio £.

- Ab der Saison 2016/2017 findet eine neue Turnierserie statt, die so genannte "Home Series" (Aktuell wird auch über eine Umbenennung in "UK Series" diskutiert). Dazu gehören dann neben den Welsh Open in Cardiff die neuen Scottish Open in Glasgow, die Irish Open in Belfast sowie die English Open in Manchester. Alle Turniere sind vollwertige Weltranglistenturniere. Sollte es einem Spieler gelingen, alle vier Turniere zu gewinnen, erhält dieser einen Bonus in Höhe von 1 Mio £.

- Ebenfalls neu sind ab der Saison 2016/2017 die European Open, ebenso ein vollwertiges Ranglistenturnier. Dafür soll es weniger Turniere der kleineren European Tour (PTC) geben. Der Austragungsort der European Open wird ständig wechseln.

- Der World Grand Prix wird ab der neuen Saison ein volles Ranglistenturnier sein. Erneut sind dort die 32 Spieler dabei, die in einer 1-Jahres-Preisgeldliste am erfolgreichsten waren (startend mit der neuen Saison).

- Die Players Championship wird in der neuen Saison noch das gleiche Format wie in dieser Saison haben, allerdings ab 2016/2017 dem World Grand Prix folgen und ebenfalls zu einem Turnier umgewandelt, das auf einer 1-Jahres-Preisgeldliste basiert. Hier sind dann die 16 besten Spieler eingeladen, die das meiste Preisgeld gesammelt haben. Anmerkung: Unklar ist hierbei, ob die Players Championship ein Ranglistenturnier bleibt oder ein Einladungsturnier wird.

- Innerhalb der nächsten 5 Jahre wird die Q-School deutlich erweitert, so dass es auf 5 Kontinenten (Asien, Afrika, Amerika, Australien/Ozeanien und Europa) diese Events gibt. Die Anzahl der zur Qualifikation stehenden Main-Tour-Plätze wird dann vom Teilnehmerfeld der Turniere abhängen.

Im allgemeinen sind die gestrigen Ankündigen als enorm positiv zu bewerten. Die Erhöhung des Preisgeldes und die Schaffung weiterer Ranglistenturniere sind ein gutes Zeichen und vor allem für Fans ein Highlight. Die große offene Frage ist natürlich, was aus der European Tour (und auch der Asian Tour) wird. Da es ab der übernächsten Saison kein Finalturnier mehr gibt und mit den European Open ein Quasi-Nachfolger für die kleinen Turniere geschaffen wurde, bleibt offen, ob die PTC-Serie nicht langsam aussterben wird. Wo bleibt die Motivation einer Teilnahme bei einem solchen Turnier, wenn keine Qualifikation für ein Finalturnier mehr winkt? Wo bleibt die Motivation für Amateure, wenn keine Main-Tour-Plätze mehr über die PTC Order of Merit zur Frage stehen. Was wird aus dem Paul Hunter Classic in Fürth, den Ruhr Open oder dem tollen Turnier in Portugal, den Lisbon Open? Hearn scheint darauf hin zu zielen, dass diese Turniere nun entweder wegfallen oder eben volle Ranglistenturniere werden.

Zu einer Pressekonferenz gehören natürlich auch die Fragen der Presse. Ich habe hier mal die wichtigsten Antworten zusammengetragen:

- Hearn sieht 64 Spieler vor Ort als das vermutliche Maximum an. Qualifikationen wird es also weiter geben. Wie geplant werden aber teilweise die Quali-Matches des Weltmeisters, der Nummer 1 der Rangliste und der beiden bestplatzierten Lokalmatadoren erst am Austragungsort gespielt.

- Hearn verteidigt weiterhin die kurzen Distanzen bei den Turnieren, insbesondere Best-of-Seven. Dies sei aus logistischen und kommerziellen Gründen nötig. Die neuen Turniere der "Home Series" werden beispielsweise dem Format der Welsh Open folgen, also weitgehend über maximal 7 Frames ausgetragen.

- Nochmals folgte die Bestätigung, dass die European Tour schrumpfen wird. Man konzentriert sich (auch aufgrund der Kosten für die Spieler) auf größere Events.

- In Zukunft ist es durchaus möglich, dass es gleichzeitig stattfindende Turniere gibt und die Spieler (ähnlich wie im Tennis) wählen können, an welchem sie teilnehmen.

Spannende Sachen also, die uns da bevorstehen. Die Zukunft wird zeigen, was sich durchsetzt und wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Nun sollten wir aber auch endlich zum Geschehen auf dem Tisch kommen.

 

Shaun Murphy gegen Barry Hawkins und Judd Trump gegen Stuart Bingham. Das sind sie also, die beiden Halbfinals bei der diesjährigen Snooker-WM in Sheffield. Dass Murphy und Trump ohnehin schon vorher zu den Favoriten gehörten, ist wohl eine klare Sache, aber was machen Bingham und Hawkins in einem WM-Halbfinale? Und warum sind die Nummer 1 und die 2 der Setzliste schon raus?

Barry Hawkins ist irgendwie neuerdings ein Mann für die Weltmeisterschaft. Das Finale 2013 erreicht, das Halbfinale 2014 und nun erneut unter den letzten 4. Der Mann aus Kent beendet eine eher mäßige Saison wieder einmal mit einem tollen WM-Ergebnis. Dabei kam er vor dem Erreichen des Endspiels vor zwei Jahren noch nie über die 2. Runde hinaus. Gegen Shaun Murphy dürfte es der Falke aber schwer haben. Der gehörte zu den besten Spielern der Saison, hat mit dem Masters seine Triple-Crown perfekt gemacht und will 10 Jahre nach seinem Überraschungserfolg im Crucible erneut für Aufsehen sorgen. Extrem abgeklärt und solide bewältigte Murphy bisher jede Aufgabe und hat von den vier Halbfinalisten die wenigsten Frames verloren. Doch Hawkins braucht niemanden fürchten. Sein Sieg über Allen war klasse, sein sensationelles Match gegen Robertson noch besser. Dennoch: Mein Tipp ist ein am Ende souveräner Sieg für Murphy, dem seine Konstanz und Ruhe das bessere Ende bringt.

Judd Trump stürmte mit einem überragendem und berauschendem Sieg über Ding Junhui ins Halbfinale. Der Jungspund ist erwachsen geworden, sein Spiel ist reifer, seine Klasse unbestritten. Mit seinen bisherigen Leistungen ist Trump nun der Top-Favorit unter den verbliebenen Teilnehmern. Nicht nur auf das Erreichen seines zweiten WM-Endspiels, sondern auch sein erster WM-Titel scheint möglich. Doch auch wenn die Ausgangslage auf dem Papier klar scheint, Trump sollte Stuart Bingham nicht unterschätzen. Der war nach seinem Erfolg gegen Ronnie O'Sullivan völlig überwältigt von Emotionen und steht zum ersten Mal im WM-Halbfinale. Er ist der Underdog, doch das war er auch im Viertelfinale. Nutzt er dies genauso clever, ist auch das Finale drin. Aber: O'Sullivan bestrafte die Fehler von Bingham oftmals nicht. Es steht zu befürchten, dass ihm Judd Trump diesen Gefallen nicht tun wird.

Für mich läuft jetzt eigentlich alles auf ein großes Finale zwischen Shaun Murphy und Judd Trump raus. Doch egal, ob das am Ende jetzt auch so kommt, die diesjährige WM war/ist ein fantastisches Turnier, was auch die bisher schon 67 gespielten Centuries zeigen. Der Rekord von 83 aus dem Jahr 2009 wird zwar schwer zu erreichen, aber was heißt das bei diesen vier tollen Spielern schon?

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