G0ten's Blog

Steckt Snooker in der Vergangenheit fest?

Avatar of GotenGoten - 09. April 2021 - Kurioses

Während die WM-Qualifikation in Sheffield auf Hochtouren läuft und die 16 Qualifikanten für das Saisonhighlight im Crucible Theatre ermittelt werden, haben die bereits gesetzten Spieler aus den Top 16 der Weltrangliste viel Zeit zum Trainieren - aber auch zum Interviews geben. Genau dies tat Judd Trump unlängst und sprach gegenüber dem britischen Magazin "Metro" über den Status des Sportes, dessen Rangliste er derzeit anführt. Dabei scheute der Weltmeister von 2019 sich nicht, durchaus berechtigte Kritik am gegenwärtigen Status Quo zu üben. Dabei ging es nicht unbedingt um Turnierformate und Preisgelder, sondern auch um Marketing, Dresscode, Kommentar und TV-Übertragungen.

Der Hauptpunkt, der sich durch Trumps Aussagen zieht, ist die Fixierung auf ältere, legendäre Spieler und die allgemeine Innvotationsarmut, den Sport aus der Vergangenheit und der Tradition in die Moderne zu heben. Zum einen macht er das am Dresscode fest, den er sich offener wünscht. Die Parallele zum Golf kommt dabei zwangsläufig auf. Dass der Engländer kein Fan von Westen ist, ist schon länger bekannt, aber er vergisst in dieser Hinsicht einen wichtigen Punkt. Der Dresscode im Snooker ist nicht nur an Tradition gebunden, sondern auch ein Stück weit Aushängeschild für den sogenannten Gentleman-Sport. Man darf gerne mehr Abwechslung reinbringen, was man beispielsweise auf der PTC-Tour schon versucht hat. Ich würde allerdings die Welt nicht mehr verstehen, wenn die Spieler zum WM-Finale im Crucible Theatre auf einmal in T-Shirt und Turnschuhen in die Arena kommen würden. Hier stimme ich Judd also nur teilweise zu.

Ein wichtiger Punkt ist die Fixierung auf die Top-Stars und Legenden im TV. Spieler sollten nicht aufgrund von sportlichen Leistungen, die bereits 15-20 Jahre zurückliegen, automatisch weiter im Rampenlicht stehen, so Trump. Er spricht dabei von Spielern wie Ken Doherty und Jimmy White, die immer noch den Vorzug vor jungen Talenten bekommen, wenn es um Stream- und TV-Matches geht. Die Diskussion um die Spieler-Platzierung in solchen Matches ist so alt wie ich. Hier treten immer die gleichen Argumente gegeneinander an. Der Wunsch der Promoter, große Namen für hohe Einschaltquoten zu nutzen gegen den Wunsch der Fans. Hier würde WST aber tatsächlich etwas Abwechslung guttun. Zu oft sieht man die immer gleichen Spieler im TV. Zu oft sieht man in den frühen Runden ein lahmes 4:0 eines Top-Spielers gegen einen bemitleidenswerten Neu-Profi, der sein erstes Match auf großer Bühne absolviert. Zu oft kriegt man die knappen, spannenden Duelle zweier gleich guter Spieler nicht mit, weil sie auf Tisch 13 zwischen Herren-WC und Garderobe spielen müssen. Hier wäre dringend mehr Diversität angesagt und gerade mit dem Flat Draw hat man eigentlich auch genug Möglichkeiten, eben nicht nur strikt nach Weltrangliste und Instagram-Follower-Anzahl vorzugehen.

Die nächste Kritik-Kante geht dann gleich Richtung Berichterstattung und Kommentar. Snooker hänge in dieser Hinsicht in den 70ern, 80ern und 90ern fest. Dies ist tatsächlich der Punkt, in dem ich Judd Trump am meisten zustimme. Sowohl in der Vermarktung der Spieler als auch im Kommentar- und Medien-Bereich hängt Snooker in einer Nostalgie fest, die sich in ein paar Jahren bitter rächen könnte, wenn Spieler wie Jimmy White, Stephen Hendry, John Higgins und Ronnie O'Sullivan ihr Queue endgültig in den Keller stellen. Natürlich hat das Comeback von Hendry und das vielbeachtete Duell mit Jimmy White diese Thematik gerade zur WM nochmal auf ein höheres Level gehoben, aber auch ohne diesen größten Zufall des Jahres wäre hier Kritik angebracht. Zu jedem Turnier werden die einstigen Erfolge von Spieler XY aus dem Hut gezaubert und die immer gleichen Clips hervorgeholt, die Anno 2021 mit ihren 147 Pixeln so passend historisch wirken. Irgendein Ereignis jährt sich doch schließlich immer zum 15., 20. oder 30. Mal. Insbesondere bei der BBC fällt diese übertriebene Nostalgie-Brille unschön auf, während Eurosport auch mit aktiven Profis als Kommentatoren etwas offener agiert. Snooker hat genügend aktuelle Stars und viele sensationelle Stories zu bieten, ohne dass man ständig an die goldene Ära erinnert werden muss, die ja inzwischen eher eine stark ergraute Ära ist.

Natürlich kommt eine Kritik-Keule von einem Spieler wie Judd Trump nicht ohne umfassende Verbesserungsvorschläge zum Thema "attraktives Spiel" aus. Dass sich viele jüngere Fans von einem offensiven, schnellen Stil angesprochen fühlen und man neue Zuschauer nicht über 50-minütige Kampf-Frames anziehen kann, halte ich ehrlich gesagt für ein Gerücht. Ich weiß nicht, ob sich in den letzten 20 Jahren so viel geändert hat, aber ich bin nicht zum Snookerfan in den Frames geworden, die mit Centuries und Maximums gewonnen wurden. Und die beiden Entscheidungsframes im Halbfinale der letztjährigen WM haben bestimmt keinerlei Zuschauer verloren, obwohl sie so wenig offensives Spiel boten. Wer sich langfristig mit Snooker auseinandersetzt und nicht nur Fan eines Spielers ist, wird auch die taktische Komponente lieben lernen. Diese ist nun mal ein großer Teil von Snooker und sollte auch nicht vergessen werden. Nahezu jeder Sport teilt sich in Angriff und Verteidigung und eine ausgewogene Balance von beidem ist allzu häufig der Schlüssel zum Erfolg. Außerdem sehe ich aktuell eigentlich nicht das Problem, dass zu viele Spieler den Erfolg mit bedächtigem Spiel suchen. 82 der 128 Spieler auf der Tour haben eine AST von unter 25 Sekunden, innerhalb der Top 16 gibt es gar nur einen (Yan Bingtao, 25.17), der denkbar knapp darüber liegt.

Steckt Snooker also zu sehr in der Vergangenheit fest? Ja und nein. Es ist nicht einfach, für einen Sport, der sehr durch seine Traditionen lebt, moderner und offener zu werden, ohne dabei seine Wurzeln und seine Charakteristik zu verlieren. Mehr Risiko darf dabei in der einen oder anderen Richtung aber gerne gegangen werden. Schafft für einige Turniere einen eigenen Dresscode (Polo-Shirts in der European Series, Schwarz-Verbot auf der Home Nations Series, was weiß ich?), ladet mehr junge Spieler als Experten ins Studio oder zum Kommentieren ein (ich würde viel lieber mal hören, wie ein Jack Lisowski ein McManus-Match kommentiert als umgekehrt), nutzt die aufstrebenden Talente zum Marketing (Jordan Brown ist vermutlich in einem Jahr wieder vergessen...) und bringt auf andere Weise mehr Abwechslung rein. Und spart euch, bei jedem Black Ball Game eine Parallele zu 1985 zu ziehen. Dann schafft es Snooker auch nach der ausklingenden Spieler-Generation gut gerüstet in die Moderne - mit vielen gut beworbenen Talenten und genügend Fans.

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