Die Spieler des Jahres

Avatar of ChrisChris - 30. Dezember 2020 - Jahresrückblick

Auf das mehr als merkwürdige Jahr 2020 habe ich bereits zurückgeblickt und auch für das Gewinnspiel wird schon fleißig gerätselt. Fehlen also noch die Auf- und Absteiger sowie die Spieler des Jahres. Während man die Auserwählten in diesen Kategorien teilweise relativ einfach zusammenbekommt und sich nur auf die Reihenfolge festlegen muss, waren einige Platzierungen gar nicht so einfach zu finden. Wie für uns war das Jahr auch für die Spieler nicht immer einfach. Doch nun genug der einleitenden Worte, kommen wir zu den Gewinnern (und Verlierern) der vergangenen 12 Monate.

Aufsteiger des Jahres

 

5. Jamie Jones / David Grace

Nun, hier haben wir direkt mal die Kandidaten, bei denen mir die Auswahl schwer gefallen ist. Ich wollte beide in die - bereits fast volle - Liste haben, also stehen mit David Grace und Jamie Jones hier gleich zwei Spieler. Jones hat nach seiner Sperre über die Q-School die Rückkehr auf die Main Tour geschafft und mausert sich wenig überraschend gleich mal zum besten "Newcomer" der Saison. Der erfahrene Waliser steht nach einem halben Jahr schon auf Platz 71 in der Weltrangliste und hat nun noch knapp 1,5 Jahre Zeit, um die fehlenden 7 Plätze für die Top 64 zu knacken. Das hat David Grace wiederum bereits geschafft. Der Engländer steht nach einem ziemlich guten Jahr auf Rang 60, hat dabei 36 Plätze gutgemacht. Der Viertelfinaleinzug in Gibraltar und das Halbfinale bei den Northern Ireland Open haben dabei einen guten Beitrag geleistet, doch es ist vor allem die Konstanz und das Selbstvertrauen, die Grace inzwischen zu einem guten Favoritenschreck heranwachsen ließen.

 

4. Alexander Ursenbacher

Der Schweizer hat im Jahr 2020 mehrere Karrieremeilensteine erreicht. Zum einen hat der 24-jährige mit der Qualifikation für die Weltmeisterschaft seinen größten Karriereerfolg gefeiert. Außerdem fährt Ursenbacher nun konstant solide Ergebnisse ein und schlägt deutlich häufiger Top-Spieler (Hallo Ronnie!). Seine Konstanz hat ihn nun zudem erstmals in die Top 64 der Weltrangliste gebracht. Gestartet war Ursenbacher ins Jahr 2020 auf Rang 88, beenden wird er es auf Platz 62, seine höchste Platzierung überhaupt. Der junge Schweizer hat damit sehr gute Chancen, seine Tourkarte diesmal direkt über eine Platzierung in den Top 64 zu halten.

 

3. Anthony McGill

Nach einem Katastrophenjahr 2019 hat der Schotte im pandemischen Zeitalter sein Spiel wiedergefunden. Der zweimalige Sieger von Ranglistenturnieren war ein wenig in der Versenkung verschwunden, hat sich daraus aber bravourös herausgekämpft. Das Highlight war dabei natürlich das Erreichen des Halbfinals bei der Weltmeisterschaft, wobei ihm in einem irrwitzigen Decider gegen Kyren Wilson im Grunde nur ein paar Bälle zum Finaleinzug fehlten. Es folgten konstante Ergebnisse auch im Milton-Keynes-Halbjahr, was ihn den Top 16 wieder nahegebracht hat. Der Schotte verpasst zwar knapp das Masters, doch nachdem er das Jahr außerhalb der Top 32 gestartet hatte, ist der Aufwärtstrend auf jeden Fall erkennbar.

 

2. Lu Ning

Über talentierte Chinesen zu reden, ist in den letzten Jahren zur wohl stigmatisiertesten Dauerkonstante geworden. Jedes Jahr hat man neue Kandidaten, die mehr oder weniger früh in die Fußstapfen von Ding Junhui treten sollen. Die wenigsten schaffen den Durchbruch dann tatsächlich (bislang vielleicht lediglich Yan Bingtao und Zhou Yuelong), doch Lu Ning hat seit seiner Rückkehr auf die Main Tour 2018 einen steilen Weg nach oben genommen. Nach nur etwas mehr als einem Jahr stand er schon in den Top 64 und startete das Jahr 2020 auf Rang 56. Am Jahresende, das er passend mit dem Halbfinaleinzug bei der UK Championship gekrönt hat, erreichte der 26-jährige erstmals die Top 32. Der U21-Weltmeister von 2013 scheint sich einiges vorgenommen zu haben.

 

1. Martin Gould

Der 'Pinner Potter' hatte es in den letzten zwei Jahren jeweils in meine Absteiger des Jahres geschafft, insofern ist das dieses Jahr eine gute Abwechslung. Und die hat sich Gould absolut verdient, denn er scheint tatsächlich seine Form wiedergefunden zu haben. Mit neuer Brille und neuem Selbstvertrauen schaffte er aus dem Nichts die Qualifikation für die Weltmeisterschaft und untermauerte seine gute Form mit tollen Auftritten in Milton Keynes. Das Finale beim European Masters, das er denkbar knapp in einem Decider gegen Selby verlor, sowie das Viertelfinale beim World Grand Prix brachten den 39-jährigen um satte 27 Plätze von der 59 auf die 32 nach vorne. Das ist der Titel des besten Aufsteigers des Jahres für Martin Gould!

Absteiger des Jahres

 

5. Barry Hawkins

Der reine Platzverlust für Barry Hawkins scheint mit 7 Rängen von der 11 auf die 18 gar nicht so hoch zu sein, doch der Unterschied ist deutlicher, als es die Zahlen aufweisen. Kein einziges Viertelfinale steht im Kalenderjahr 2020 zu Buche, in dem für Hawkins nur eine Sache konstant war: seine Inkonstanz. So verpasst der 41-jährige erstmals seit 2012 wieder das Masters und wird auch bis zur WM noch einiges zu tun haben, um sich wieder in die Top 16 zu spielen.

 

4. Mark Williams

Der Waliser begann das Jahr 2020 auf Platz 2, beendet es aber gerade noch so in den Top 16. Klar, die Punkte des WM-Triumphes 2018 flogen aus der Wertung und haben einen gewissen Anteil an dem Absturz, doch da Williams ausgerechnet bei der WM das Viertelfinale erreichte und damit im Grunde einiges wiedergutmachte, zeigt, wie schwach das Jahr insgesamt für ihn war. Fehlende Trainings- und Matchpraxis ist dem 45-jährigen fast immer sofort anzumerken, auch wenn er mit seiner lockeren Einstellung wieder einiges wettmachen kann. Dennoch, für 2021 muss der Waliser wieder deutlich konstanter werden, wenn er in den Top 16 bleiben will.

 

3. Mark Davis

Davis ist ja im Grunde ein ständig wechselnder Kandidat für die Auf- und Absteiger eines Jahres, zählt er doch zu den konstant unkonstantesten Spielern auf der Tour. Immer mal wieder kleine Highlights einbauend, kann er schnell mal für ein paar Monate in der Versenkung verschwinden. So auch im Jahr 2020, das ergebnistechnisch wie schon 2019 nicht gerade gut für den 48-jährigen verlief. Davis verlor seit Jahresbeginn 16 Plätze und rangiert aktuell auf Platz 45 in der Weltrangliste. Der Engländer kam in den vergangenen 12 Monaten kein einziges Mal über die Runde der letzten 32 hinaus, was er sehr dringend ändern sollte.

 

2. Jimmy Robertson

Jimmy Robertson ist mehr oder weniger auf dem Weg, als One-Hit-Wonder in die Snooker-Historie einzugehen. Der Überraschungssieger des European Masters 2018 ist verzweifelt auf der Suche nach seiner Form und konstanten Ergebnissen. Als zukünftiger Top-16-Spieler gehandelt, beendet Robertson das Jahr auf Platz 52. So schlecht war der Engländer seit fast fünf Jahren nicht platziert, ganze 30 Ränge verlor er allein im Jahr 2020. Das Viertelfinale in Gibraltar kurz vor dem Corona-Shutdown war das einsame Highlight eines verlorenen Jahres. Wenn die Ergebnisse nicht besser werden, könnte der 34-jährige zum Saisonende sogar um sein Profiticket bangen.

 

1. Ryan Day

Ich weiß ja nicht, ob das ein lohnendes Ziel ist, aber Ryan Day hat es tatsächlich geschafft, den Titel als Absteiger des Jahres erfolgreich zu verteidigen. Dem schwachen Jahr 2019 hat der Waliser dieses Jahr tatsächlich noch einen draufgesetzt. In einer grauenhaften Bilanz stehen verpasste Qualifikationen, frühe Niederlagen und anhaltende Formschwäche zu Buche, die einen bodenlosen Fall in der Weltrangliste zur Folge haben. Satte 24 Plätze verlor Day und beendet das Jahr auf Platz 47. Der 40-jährige, dem im September immerhin ein Maximum Break gelang, stand seit März 2019 nicht mehr unter den Letzten 16 eines Turniers. Im Grunde kann es nächstes Jahr nur besser werden.

Spieler des Jahres

 

5. Kyren Wilson

Ich glaube, mir ist die Vergabe der Plätze an die Top-Spieler des Jahres selten so leicht gefallen wie dieses Jahr, da es tatsächlich fünf Akteure gab, die alle anderen Spieler teilweise stark überstrahlten. Passenderweise bilden alle fünf (sogar in der exakt identischen Reihenfolge) zum Jahresende auch die Top 5 in der Weltrangliste. Den Anfang macht Kyren Wilson, der im Jahr 2020 zwischen dem nächsten Schritt und dem "Anschluss-halten" hin-und-herschwankte. Der Titel der (zweiten) Championship League, drei Finalteilnahmen und unzählige Viertelfinals bilden eine solide Ergebnisbasis für den 'Warrior'. Das Highlight war dabei natürlich das letztlich zwar klar verlorene WM-Finale, mit dem er aber erneut unter Beweis stellte, dass er inzwischen in der Riege der absoluten Top-Spieler angekommen ist. Für den 29-jährigen müssen jetzt so langsam zwar mehr Titel rausspringen, insgesamt kann Wilson aber mit dem Jahr zufrieden sein.

 

4. Mark Selby

Den vierten Platz sichert sich der dreifache Weltmeister Mark Selby. Der Engländer ist ohne Zweifel endgültig zurück und hat neben seiner Form auch sein Selbstvertrauen, seine Sicherheit und seine irre Nervenstärke zurückgewonnen. Der wohl konstanteste Spieler der letzten 12-13 Jahre hat wieder das Siegen gelernt. Im Halbfinale der WM hatte er Ronnie O'Sullivan am Rande einer Niederlage und verlor am Tag der irren Decider letztlich auch durch ein wenig Pech. Auch in Milton Keynes lief es gut: Der Triumph beim European Masters sowie die Titelverteidigung der Scottish Open machen ihn zum drittbesten Spieler der laufenden Saison. Der Comeback-King ist derzeit kein sehr angenehmer Gegner für jeden Main-Tour-Spieler.

 

3. Ronnie O'Sullivan

Bevor ich gleich einen üblen Shitstorm ernte, lasst mich schnell erklären, warum der amtierende Weltmeister "nur" auf Position 3 der besten Spieler des Jahres 2020 steht. Das liegt schlicht und einfach daran, dass für den 45-jährigen abseits der Weltmeisterschaft kein einziger Titel heraussprang. Zwar erreichte der nun sechsmalige Weltmeister sowohl bei den Northern Ireland Open als auch bei den Scottish Open das Finale, dennoch mischte sich unter die Erfolge auch die eine oder andere frühe Niederlage. Auch das Spiel des Engländers hat einige Anfälligkeiten aufgezeigt, die ihn nur zum drittbesten Spieler des Jahres 2020 machen. Doch ich denke, der zum britischen Sportler des Jahres nominierte O'Sullivan wird mit dem bronzenen Platz auf dem Treppchen leben können.

 

2. Neil Robertson

Man vergisst bei O'Sullivan als Weltmeister und bei Trumps Dauererfolgen ganz gerne, dass auch Neil Robertson ein hervorragendes Jahr 2020 gespielt hat. Mit dem World Grand Prix und der UK Championship hat er zwei große Turniere gewonnen, dazu auch noch das European Masters zu Jahresbeginn. Weitere Finalteilnahmen in Berlin, beim Champion of Champions und bei den English Open untermauern das tolle Ergebnis des Australiers. Robertson hat auch ohne WM-Titel über eine Million Pfund an Preisgeld in der Weltrangliste vorzuweisen und ist damit ärgster Verfolger von Judd Trump. Mit Trump liefert sich der 38-jährige ein enges Duell im Century-Rennen sowie zusätzlich mit Selby ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Ranglistentitel. Was Robertson jetzt noch fehlt, ist ein zweiter WM-Titel.

 

1. Judd Trump

Wie schon Ryan Day gelingt Judd Trump also die erfolgreiche Titelverteidigung, allerdings dabei in einer deutlich positiveren Disziplin. Braucht man eigentlich große Worte, um diese Entscheidung zu begründen? Im Grunde nicht, aber tun wir es der Vollständigkeit halber mal trotzdem. Der Weltranglistenerste, der die Snooker-Welt seit August 2019 anführt, ist mit 1,8 Millionen Pfund an Preisgeld quasi dauerhaft uneinholbar an der Spitze platziert. Erstmals gelang einem Spieler der Gewinn von sechs Ranglistenturnieren in einer Saison (2019/2020) sowie in einem Kalenderjahr (2020). Wenn man dem 31-jährigen eine Sache vorwerfen möchte, wäre es vielleicht lediglich seine maue Bilanz bei den Triple-Crown-Events. Da deren Bedeutung (mit Ausnahme der WM) in den letzten Jahren durch die Einführung ähnlicher Turniere aber an Bedeutung verloren hat, wiegen seine anderen Erfolge das ziemlich locker auf. Judd Trump ist ein konstanter und kompletter Spieler geworden. Sein beeindruckendes Offensiv-Spiel hat mit enorm gesteigerter taktischer Klasse einiges dazugewonnen, womit er nun auch an schlechten Tagen sehr schwer zu bezwingen ist. Im Moment ist der Engländer schlichtweg der dominante Star der Main Tour.

 

Das war er also, der dreiteilige Rückblick auf das Snookerjahr 2020. Ich wünsche euch einen guten Start ins neue Jahr und uns allen ein etwas normaleres 2021.

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