G0ten's Blog

Das sonderbare Jahr

Avatar of GotenGoten - 23. Dezember 2020 - Jahresrückblick

Wisst ihr noch, früher? Es gab immer dieses eine merkwürdige Kind, was alleine für sich im Buddelkasten gespielt hat. Es sah anders aus, war ganz still und wenn man die Schippe wegnehmen wollte, hat es einen gebissen und bei der Erzieherin verpetzt. Die hat dann mit der Mama geredet und man bekam Fernsehverbot und eine Woche Stubenarrest (ist das heutzutage noch eine relevante Bestrafung?)... ich schweife ab. Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass das Jahr 2020 das kalendarische Äquivalent zu diesem Außenseiter-Kind war und wir uns Hoffnung machen sollten, dass 2021 andere Personen den Buddelkasten beherrschen. Auch für den Snookersport waren die vergangenen 12 Monate in vielerlei Hinsicht besonders.

Im Januar herrschte noch weitgehende Normalität auf der mit neuem Logo ausgestatteten Main Tour. Ronnie O'Sullivan sorgte für Schlagzeilen beim Masters, obwohl er gar nicht dabei war und Nachrücker Ali Carter erreichte gleich mal das Finale. Das verlor er zwar gegen Stuart Bingham, der damit seine Single Crown zumindest schon mal zu einer Double Crown machte. Fürs Triple fehlt noch die UK Championship, aber Bingham kann ja dennoch froh sein, dass eine der wenigen nicht an Judd Trump vergebenen Trophäen in seinem Schrank landete. Lukas Kleckers gewann das achte Event der Challenge Tour und legte damit den Grundstein für die Rückkehr auf die Main Tour im März. Ashley Hugill und Gao Yang triumphierten bei der Amateur-WM, während der Haupttriumph für Dornbirn wohl schon darin bestand, dass dort ein professionelles Snooker-Turnier stattfand. Der Titel ging an Neil Robertson, der dem armen Zhou Yuelong einen thundermäßigen White Wash verpasste.

Eine Woche später siegte Judd Trump dann im Berliner Tempodrom, was im Endspiel gegen den Australier den Startschuss zu einem grandiosen Jahr für beide Spieler bildete. Nicht so grandios war die Absage der China Open, die während des German Masters bekannt wurde. Ich erinnere mich an Gespräche im Presseraum über den damals noch in Fernost umherirrenden Virus, der die Absage notwendig machte. Damals ahnte keiner, was uns für den Rest des Jahres noch bevorstehen würde. Neil Robertson holte sich den World Grand Prix und Shaun Murphy sorgte bei den Welsh Open in Cardiff für eines seiner wenigen Highlights in 2020. Beim Shoot-Out verpasste Michael Holt seinem Kontrahenten Zhou Yuelong auch in dessen zweitem Ranglisten-Finale einen White Wash und holte den ersten Major Titel seiner Karriere. Judd Trump ließ im Finale der Players Championship Yan Bingtao keine Chance und holte nicht nur den zweiten von sechs Titeln im laufenden Jahr, sondern gewann das letzte Turnier, das noch "normal" vor der Pandemie durchgezogen werden konnte.

Nachdem Scott Donaldson die (erste) Championship League gewinnen konnte, Kleckers auf der Challenge Tour seine Main-Tour-Rückkehr perfekt machte und sich der Snookerzirkus in Richtung Gibraltar aufmachte, fingen die Probleme an. Die nun auch in Europa immer höher werdenden Infektionszahlen sorgten nicht nur für zahlreiche Spieler-Absagen, sondern auch für die Limitierung der Zuschauerzahlen. Mit 100 Zuschauern gestartet, wurde der rekordbrechende sechste Weltranglistentitel der Saison 2019/2020 von Judd Trump schließlich vor leeren Rängen gefeiert. Die European Series gewann der Weltranglistenerste damit ebenfalls. Was darauf folgte, waren Verschiebungen und Absagen in Serie: Zunächst wurde die Tour Championship am Tag des eigentlichen Turnierbeginns spontan verlegt, die Challenge-Tour-Play-Offs und die Weltmeisterschaft folgten nur kurze Zeit später. Die letzten Snookerbälle für eine lange Zeit wurden in Portugal gelocht, als Andrew Pagett und Aaron Hill sich die EM-Titel holten.

Die unfreiwillige Pause nutzte World Snooker Tour, um während der ursprünglich geplanten WM eine virtuelle Ersatz-Variante anzubieten. Während sich WST-Chef Barry Hearn von einem Herzinfarkt erholte, holte sich der virtuelle Mark Selby in der als leidlicher Ausgleich herhaltenden Alternative den Titel. Peter Ebdon beendete zudem Ende April unter enorm gemischten Reaktionen seine Karriere und die Snooker-WM bekam einen neuen Termin. WST und ein zum Snooker-Zuhause mutierender Standort in Milton Keynes planten auf Hochtouren die Rückkehr professioneller Wettkämpfe. Das Resultat war die Championship League (die Zweite), die mit neuem Format, strengen Hygiene-Regeln und Corona-Tests Anfang Juni wieder für Action auf dem grünen Tuch sorgte. Das von Luca Brecel gewonnene Turnier war vor allem in organisatorischer Hinsicht ein voller Erfolg und ein Zeichen in sämtliche Richtungen, dass Profi-Sport auch während der Pandemie möglich ist.

Wenig überraschend fand dann auch die Tour Championship an gleicher Stelle statt, bei der Stephen Maguire mal wieder eine seiner wenigen Glanz-Wochen gelang. Der Schotte, der erst als Ersatz für Ding Junhui ins Turnier gerückt war, verschwand für den Rest des Jahres wieder im Nirvana. Traurige Nachrichten gab es Mitte Juni leider ebenfalls: Willie Thorne verlor seinem Kampf gegen die Leukämie und verstarb am 17. Juni in einem spanischen Krankenhaus. Dies sollte nicht der letzte Todesfall des Jahres bleiben: Brandon Parker, langjähriger WST-Direktor, Manager und Initiator der deutschen Ranglistenturniere, erlag mit nur 55 Jahren nach langem Kampf seinem Nierenkrebs-Leiden.

Ende Juli war es dann schließlich soweit. Nach einer etwas verkürzten Qualifikation sollte in Sheffield der Startschuss zur Snooker-WM 2020 fallen, und das sogar mit Zuschauern. Die Anwesenheit von eben jenen veranlasste Anthony Hamilton, seine Teilnahme am Turnier vorsichtshalber abzusagen, da er die gesundheitlichen Folgen einer Covid-Erkrankung fürchtete. Ironischerweise waren ab Tag 2 im Crucible Theatre keine Zuschauer mehr zugelassen, so dass diese Maßnahme letztlich unnötig war. Noch bitterer für Hamilton war, dass er sich trotz seiner Vorsichtsmaßnahmen im November doch noch mit dem Virus infizierte.

Die Sommer-WM war in vielerlei Hinsicht ereignisreich: Titelverteidiger Judd Trump erlag im Viertelfinale dem Crucible-Fluch, John Higgins spielte das erste Maximum im Crucible seit Hendry 2012 und Marcel Eckardt wurde der jüngste WM-Final-Referee aller Zeiten. Außerdem stand die mehr als zweifelhafte Erfindung des Klospülungs-Dosen-Applauses im Fokus, ein bis zum Jahresende bleibender fester Bestandteil der Turniere. Am Ende der 17 Tage stand der sechste WM-Triumph für Ronnie O'Sullivan zu Buche, der Kyren Wilson im (wieder mit Zuschauern ausgestattetem) Finale relativ klar in Schach hielt. Während der WM fand außerdem die Q-School statt, bei der sich Simon Lichtenberg sein Main-Tour-Ticket sofort wieder zurückholte.

Nach der sehr kurzen einmonatigen Sommerpause - und der Absage aller Turniere in China bis Jahresende - verschanzte sich der Profi-Zirkus endgültig in Milton Keynes. Letztendlich wurden sämtliche Turniere bis Jahresende (immerhin acht Stück an der Zahl) allesamt in Milton Keynes ausgetragen. Bevor das der Fall sein konnte, gab es Anfang September erstmal einen durch die Szene rauschenden Paukenschlag: Stephen Hendry, Legende des Crucible und 36-facher Ranglistensieger, gab sein Comeback auf die Main Tour bekannt. Was als großes Tohuwabohu anfing, stellte sich bislang als enttäuschend heraus. Der Schotte spielte bislang kein einziges Match und will das wohl auch erst tun, wenn wieder Zuschauer bei Turnieren zugelassen sind. Ereignisreicher war da schon der Eröffnungstag der neuen Saison, bei dem Ryan Day in der Championship League (die Dritte) gleich mal ein Maximum hinlegte. Bis Jahresende sollten noch sechs weitere folgen.

Nachdem eine Twitter-Kampagne Mark Davis sein gestohlenes Queue zurückbrachte, holte sich Mark Selby in einem Herzschlag-Finale gegen Martin Gould den Titel beim European Masters. Zwar gab es inzwischen auch im Snooker-Sport die ersten positiven Corona-Tests - unter anderem bei Gary Wilson und Barry Hearn - doch dank der strengen Richtlinien konnte weiterhin ausgiebig gespielt werden. Bis zum Jahresende kamen weitere Positiv-Tests bei Spielern, Referees und Kontaktpersonen hinzu, aber letztlich blieb alles im Rahmen. Reanne Evans erhielt Anfang Oktober den MBE, was ihre außergewöhnliche Karriere würdigte.

Der zweite Titel der Saison ging an Judd Trump, der bei den English Open ein tolles Endspiel gegen Neil Robertson für sich entscheiden konnte. Trump stand auch kurze Zeit später im Finale der Championship League, verlor dieses aber gegen Kyren Wilson. Auch beim Champion of Champions blieb Trump wieder trophäenlos. Hier ging der Titel letztlich an einen überragenden Mark Allen, der Neil Robertson die erfolgreiche Titelverteidigung vermasselte. Mitte November merkte man dann, dass es wohl nicht nur die Positionierung kurz vor Weihnachten war, die in den vergangenen Jahren für einige Überraschungen in der German-Masters-Qualifikation gesorgt hatte. Außerdem avancierte Branchenprimus Judd Trump zum Home-Nations-Series-König, als er zum dritten Mal in Folge die Northern Ireland Open gewann - zum dritten Mal in Folge gegen Ronnie O'Sullivan - zum dritten Mal in Folge mit 9:7.

Es folgte nun Turnier auf Turnier, so dass bis zum 20.12. durchgespielt wurde. Bei der optimistisch für York geplanten und letztlich in Milton Keynes ausgetragenen UK Championship rang Neil Robertson Judd Trump in einem phänomenalen Finale denkbar knapp nieder. Eine Woche später triumphierte Mark Selby an gleicher Stelle bei den Scottish Open und verteidigte damit erfolgreich seinen Titel. Nochmal sieben Tage später war dann wieder Judd Trump dran und reckte nach einem mitreißenden Endspiel gegen Jack Lisowski die World-Grand-Prix-Trophäe in die Höhe. Es war der letzte vergebene Titel des Jahres, aber mit den Neuigkeiten war es noch nicht vorbei. Was lange geahnt wurde, steht inzwischen fest: Das German Masters 2021 findet ebenfalls in Milton Keynes statt, genauso wie das Shoot-Out und die WST Pro Series. Das Masters wird zwar in London gespielt, nun aber doch ohne Zuschauer.

Die Wunschzettel für 2021 dürften vielerorts relativ ähnlich aussehen, von daher spar ich mir das hoffnungsvolle Gequatsche jetzt mal. Irgendwann wieder Zuschauer in den Arenen zu haben und Snooker auch außerhalb Englands zu sehen, wäre sehr schön. Da kann man letztlich nur hoffen, dass dem Jahr 2021 noch keiner Schippe, Förmchen oder Eimer weggenommen hat.

PS: Die Aufsteiger, Absteiger und Spieler des Jahres sowie das Quiz kommen noch in den nächsten Tagen!

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