G0ten's Blog

Die 17 verschobenen Tage

Avatar of GotenGoten - 29. Juli 2020 - Turniervorschau

Nun geht es also doch los. Am kommenden Freitag steigt die 17-tägige Weltmeisterschaftsparty im Crucible Theatre mit knapp 3-monatiger Verspätung. Die 16 Gesetzten um Titelverteidiger Judd Trump treffen auf 16 Qualifikanten, von denen fünf ihr Debüt im Theater der Träume geben werden. Der Weg war steinig, nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Organisatoren. Lange Zeit war unklar, ob die Snooker-Saison überhaupt fortgesetzt werden kann, geschweige denn eine Weltmeisterschaft stattfindet. Mit dem Hygiene- und Organisationserfolg der Championship League und nicht zuletzt der Tour Championship haben WST und die WPBSA bewiesen, dass Snooker auch im Corona-Modus überleben kann.

Dass die Weltmeisterschaft inklusive Qualifikation noch einmal zusätzlichen Organisationsbedarf hat - was vor allem an der Anzahl der Spieler liegt - bleibt unbestritten. Doch letztlich hat man mit der Verkürzung der Distanzen, den rigorosen Test- und Abschottungsregelungen sowie guter Venue-Wahl den richtigen Mittelweg gefunden. Im krassen Kontrast zu den bisherigen Vorsichtsmaßnahmen steht die während der WM-Qualifikation bekannt gewordene Platzierung von Publikum im Crucible Theatre. Es wurde inzwischen viel gesagt, viel geschrieben und auch einige Spieler haben sich bereits zu Wort gemeldet. Daher zu diesem Thema nur ein kurzer Absatz.

Sieht man die monetäre und vor allem die atmosphärische Seite, ist vorerst nichts an Zuschauern während des Saisonhöhepunktes auszusetzen. In Absprache mit und unter Genehmigung von der britischen Regierung ist die WM im Crucible eines von mehreren Test-Events (und erstes Indoor), bei denen Zuschauer zugelassen werden. In der Arena wird es Sitzgruppen geben, die aus maximal zwei Haushalten bestehen. Zwischen den Sitzgruppen (social bubbles genannt) ist gerade mal 1 Meter Abstand. Etwas mehr als ein Drittel der Plätze wird damit je nach Session besetzt sein. Meine persönliche Meinung dazu: Ich finde das zu viel. Erstens ist der Abstand von einem Meter ein absoluter Witz. Das bringt so gut wie nichts. Zweitens hätte man mit weniger Zuschauern ein Zeichen in Richtung Vertrauen und Risikoabwägung setzen können. So wirkt das Ganze nur wie "das meiste rausholen". Und ich sehe es ähnlich wie Anthony Hamilton als schwierig an, die Spieler für ein pandemisches Experiment zu missbrauchen. Sicherlich hat WST vor allem nach den problemlosen Events Championship League, Tour Championship und WM-Qualifikation verdient, dass man ihnen Vertrauen schenkt. Aber Vertrauen ist eben auch genauso schnell wieder verspielt. In diesem Sinne kann man nur hoffen, dass alles gut geht und es kein Virus-Spread-Debakel gibt.

Wenn man sich das Ergebnis der Auslosung anschaut, kann man wahrlich nicht mehr von Debakel sprechen. Was für tolle Matches wurden hier ausgelost? Titelverteidiger Judd Trump hat eine schwere Auftaktaufgabe gegen Tom Ford vor der Brust. Zwar ist Trump Favorit, doch Ford bringt den Kampfgeist und den Spielfluss aus der Qualifikation mit. Das kann ein hartes Stück Arbeit für den Weltranglistenersten werden. Auch Neil Robertson hätte sich sicherlich ein etwas angenehmeres Los als Liang Wenbo gewünscht. Zwar macht der Chinese nur noch selten mit konstant guten Leistungen auf sich aufmerksam, das in dieser Saison aber wieder etwas vermehrt. Außerdem wird Liang nach den verpatzten Qualifikationen in den letzten beiden Jahren auf die Rückkehr ins Crucible hinfiebern.

Das vom Papier her attraktivste Match ist natürlich das High-Speed-Duell zwischen Ronnie O'Sullivan und Thepchaiya Un-Nooh. Das bislang einzige Match der beiden hat der Thailänder gewonnen, der für mich auch am kommenden Sonntag der Favorit ist. O'Sullivan hat sich in den vergangenen Jahren insbesondere bei der WM als angreifbar erwiesen und bringt nicht mehr den nötigen Biss auf, um sich für einen WM-Titel zu bewerben. Eins scheint aber auf jeden Fall klar: Allzu viele Safeties werden wir wohl hier nicht sehen. Ding Junhui und Mark Williams sind die einzigen Spieler, die seit dem corona-bedingten, vorübergehenden Abbruch der Saison kein einziges Profi-Match bestritten haben und daher die geringste Spielpraxis mitbringen. Beide treffen mit Mark King und Alan McManus auf absolute Veteranen und sind höchst gefährdet, gleich in Runde 1 die Segel zu streichen.

Die fünf Debütanten werden es auch nicht einfach haben. Der Schweizer Alex Ursenbacher wird als erster deutschsprachiger Spieler im Crucible Theatre gegen WM-Dauer-Top-Mann Barry Hawkins antreten, während Jordan Brown auf Dreifach-Weltmeister Mark Selby trifft. Und auch Ashley Carty und Jamie Clarke sind für mich gegen Stuart Bingham und Mark Allen erstmal nur Außenseiter. Auf dem Papier leichter hat es da Elliot Slessor, der mit Yan Bingtao den am niedrigsten platzierten Gesetzten erwischt hat, der aber auch gleichzeitig auf seine bislang größte Karriere-Saison zurückblicken kann.

Für den Sieger der Tour Championship ist die Auslosung nicht allzu gut verlaufen. Stephen Maguire bekommt es mit Martin Gould zu tun, der sich in der Qualifikation nicht nur mit neuer Brille, sondern auch mit lange nicht gesehener Spielfreude und guter Form präsentierte. Für beide wäre ein Aus in Runde 1 eine herbe Enttäuschung. Das wäre es für John Higgins, der in den letzten drei Jahren das WM-Finale jeweils verloren hat, sicherlich auch. Mit Matthew Stevens als Gegner erwartet ihn ein zweifacher Finalist und Crucible-Liebling. Die besten Zeiten des Walisers sind zweifelsohne vorbei, doch im Vorbeigehen wird er sich sicherlich nicht besiegen lassen.

Wer bleibt noch? Kyren Wilson, der die letzten vier Jahre jeweils mindestens im Viertelfinale stand, bekommt Haudegen Anthony Hamilton vor die Nase gesetzt, während Vorjahreshalbfinalist David Gilbert gegen Kurt Maflin ran muss. Außerdem trifft Shaun Murphy auf Noppon Saengkham und Jack Lisowski duelliert sich im vielleicht offensten Match der 1. Runde mit Anthony McGill. Wer in diesen Duellen die Nase vorn hat, vermag ich genauso wenig zu sagen wie denjenigen, der am 16.08. die begehrte Trophäe in die Höhe recken wird. Das entscheidende Match wird auf jeden Fall unter deutscher Beteiligung stattfinden, wenn Marcel Eckardt als jüngster Schiedsrichter der Snooker-Geschichte das WM-Endspiel leiten darf.

Es mag eine hohle Phrase sein, doch in diesem Jahr gilt mal wieder: Die WM ist wohl so unberechenbar und offen wie nie. Das liegt nicht einzig und allein an den vielen grandiosen Spielern, die hier antreten, sondern ein Stück weit auch an der fehlenden Matchpraxis, die alle Spieler mehr oder weniger stark mitbringen. Für die 16 gesetzten Akteure scheint die Auftakt-Aufgabe so schwer wie noch nie angesichts der nicht einzuschätzenden Formkurve. Kann Judd Trump also seinen Titel verteidigen und den Crucible-Fluch brechen? Kann Ronnie O'Sullivan endlich seinen sechsten WM-Titel holen? Oder wird ein neuer Name am Abend des 16. August in die Trophäe graviert? Kann vielleicht sogar erstmals seit Shaun Murphy 2005 wieder ein Ungesetzter im Crucible triumphieren? In 19 Tagen wissen wir mehr.

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