G0ten's Blog

Weg mit dem Image - Her mit dem Geld!

Avatar of GotenGoten - 09. Dezember 2019 - Kurioses

Stellt euch vor, es ist UK-Championship-Final-Wochenende und keiner redet darüber. Zwei Dinge überschatteten an den letzten beiden Tagen zum Teil das sportliche Geschehen im Barbican Centre von York. Erst kommt die Absage von Ronnie O'Sullivan für das Masters im Januar, was einen eigentlich nicht qualifizierten Flugzeug-Führer etwas glücklich gemacht hat, dann platzte gestern Nachmittag die Bombe. Ein Turnier in Saudi-Arabien soll es nächsten Oktober also geben, bei dem gleich mal 2,5 Millionen Pfund an Preisgeld ausgeschüttet werden sollen. Alleine 500.000 davon sollen an den Sieger der Veranstaltung gehen, also genauso viel wie Judd Trump im Mai diesen Jahres für seinen Sieg im Crucible eingestrichen hat.

Nun ist ein neues Weltranglistenturnier an sich ja nichts Schlimmes. Auch das Erschließen neuer Märkte ist durchaus eine gute Sache, zumal noch nicht viele arabische Spieler auf der Main Tour zu finden sind, geschweige denn sich dort auch behaupten können. Als Teil eines 10-Jahres-Vertrages soll Snooker in dem arabischen Land größer gemacht werden. Doch abseits davon findet man leider nicht viel Positives, was sich über das Saudi Arabia Snooker Masters sagen lässt. Allein der Preisgeld-Wahnsinn ist schon Grund genug für Kritik. Dass die Triple-Crown nicht mehr das ist, was sie mal war, wissen wir ja seit den China Open bereits. Doch jetzt verkommen die drei "wichtigsten" Turniere der Snooker-Saison zu einer Preisgeld-Farce. Es erscheint nicht realistisch, dass York und London in ähnliche Größenordnungen nachziehen werden und selbst wenn das Preisgeld im Crucible nochmal deutlich ansteigen würde, wäre das Turnier in Saudi-Arabien nahezu gleichwertig.

Aber auch für kleinere Turniere ist das eine Hiobsbotschaft. Wie soll man noch Top-Spieler nach Fürth, Berlin oder Gibraltar locken, wenn in Riad das große Geld ruft? Was sind schon 25.000 Pfund für einen Turniersieg, wenn ich die woanders für eine Niederlage in Runde 2 kassiere? Den Spielern ist dabei nicht mal ein Vorwurf zu machen, die wollen schließlich auch Geld verdienen. Dass Snooker-Nischen-Länder wie Belgien, Deutschland oder Lettland diese Preisgeld-Wettrennen mitgehen, ist nicht möglich. Selbst für England wird das früher oder später schwer. China wird sicherlich mitziehen, das wird man in Fernost nicht auf sich sitzen lassen. Ob das dann noch mehr Turniere mit mehr Geld und weniger Fans bedeutet, überlasse ich mal der Fantasie.

Dass sich die arabischen Länder wie Katar oder Saudi-Arabien durch sportliche Großereignisse einen besseren Ruf erarbeiten wollen, ist inzwischen ja hinlänglich bekannt. Dass das noch lange keine großartigen Sportereignisse zur Folge hat, wissen wir seit der Leichtathletik-WM auch. Es ist schade, dass sich dennoch immer mehr Sportarten anbiedern und jegliche Bedenken beiseite werfen. Da wandert der spanische Supercup auf einmal an Orte, an die er nicht gehört, und ein Tennis-Turnier mit Männern in kurzen Hosen wird an der Geburtsstätte einer der konservativsten Islam-Richtungen ausgetragen. Für Snooker schienen solche Dinge bis vor kurzem undenkbar. Doch der Ruf des Geldes war hier letztlich verlockender als das eigene Moral-Empfinden.

Menschenrechte? Egal! Frauenrechte? Egal! Andere Länder ausschließen? Egal! Politik hat doch im Sport nichts zu suchen! Dass diese Einstellung Illusion ist, hat sich noch nicht ganz rumgesprochen. Deshalb erwähnt das auch keiner in den wunderschön und positiv formulierten Ankündigungs-Artikeln - wie dem von World Snooker gestern. Zu Hause sitzen Spieler wie Hossein Vafaei und Soheil Vahedi, die sich berechtigterweise schon heute fragen müssen, ob sie als Iraner auch nur ansatzweise Chancen haben werden, in Riad überhaupt antreten zu können. Eden Sharav könnte vor ähnlichen Problemen stehen. Wie sieht es eigentlich mit weiblichen Schiedsrichtern aus? Schickt man überhaupt welche hin oder umgeht man dieses "Problem" (in Ermangelung eines besseren Wortes) einfach und wir sehen dort keine Frauen? Wie sieht es mit Frauen im Publikum aus? Es gibt Gerüchte, dass Barry Hearn den Saudis abgerungen hat, dass Frauen kostenlos zum Turnier kommen dürfen. Aber werden sie auch reingelassen? Trauen sie sich überhaupt hin? Ich wage mal vorsichtig zu bezweifeln, dass sich WS in die organisatorischen Belange vor Ort einmischen würde.

Es ist jetzt letztendlich, wie es ist. Uns bleibt vorläufig nichts weiter übrig außer abzuwarten, wie das Turnier nächstes Jahr tatsächlich läuft und was bis dahin noch angekündigt wird. Vielleicht zieht ja China als nächstes nach und ruft zum nächsten Turnier gleich 3 Millionen Pfund auf. Wer bietet noch mehr? Vielleicht baut man in Katar ja gleich mal das Crucible nach, nur 20 mal größer und mit 5 mal so viel Preisgeld. Dann schauen wir die WM 2030 bei 45° im Schatten. Ob das Turnier nun ein Erfolg wird oder nicht: Meiner Meinung nach hat der Snooker-Sport gestern einen riesigen Image-Schaden erlitten, der nicht allzu schnell zu reparieren sein dürfte.

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