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Ob es Paul gefallen hätte?

Avatar of GotenGoten - 27. August 2019 - Turnierberichte

Das war es also, das Paul Hunter Classic 2019. Erstmals seit 10 Jahren konnte weder am TV noch per Stream das an einen viel zu früh verstorbenen Snookerspieler erinnernde Turnier verfolgt werden. Das Event war also nur den tatsächlich vor Ort erscheinenden Fans vorbehalten, genauso wie 16 exklusiv eingeladenen Spielern (statt wie in den letzten Jahren 128 plus Amateur-Qualifkation). Gut besetzt war es trotzdem: Mit Kyren Wilson, Barry Hawkins und David Gilbert waren 3 Top-16-Spieler vor Ort, hinzu kamen einige weitere prominente Namen und Kult-Spieler. Doch wie kam es dazu, wie war das Event und wie geht es weiter? Ein paar Fragen und der Versuch, ein paar Antworten zu finden:

Die Entscheidung, das Turnier in diesem Jahr als Einladungsturnier auszutragen, stand relativ früh fest. Keine drei Monate nach der Ausgabe im Vorjahr war klar, dass man eine neue Richtung einschlagen wird. Neben der ausgerufenen "Rückkehr zu den Wurzeln" war mehr oder weniger Skepsis ob des stark reduzierten Teilnehmerfeldes vorhanden. Wie soll das funktionieren, wenn aus einem vollwertigen Weltranglistenturnier ein Mini-Event mit Spaß-Faktor wird? Wir wissen inzwischen: Es hat ganz gut funktioniert.

Auf den ersten Blick sah das nach und nach zusammgewürfelte und im Februar vollständig veröffentlichte Teilnehmerfeld ganz gut aus. Große Namen mischten sich mit hoffnungsvollen Talenten, Sympathie-Träger mit Fürth-Veteranen. Doch kritisch hinterfragen darf man doch einige Dinge: Warum ist kein einziger deutscher Spieler eingeladen worden? Warum hat man das Format nicht angepasst und auf mehr Spieler erweitert, als klar wurde, dass eigentlich viel mehr Spieler antreten wollen (allein auf Twitter gibt es Dutzende Wortmeldungen von Fürth-bereiten Spielern)? Wer hat das Feld zusammengestellt und nach welchen Kriterien ist man da vorgegangen? Ich habe mich mit diversen (deutschsprachigen und britischen) Spielern unterhalten, zudem mit Verantwortlichen gesprochen und kann zusammenfassen: Das Feld ist von World Snooker zusammengestellt worden, und das (vermutlich) von einem einzigen Mann, Brandon Parker. Warum also Spieler wie Ben Mertens, Ryan Davies oder Florian Nüssle einladen statt Lukas Kleckers, Simon Lichtenberg, Richard Wienold oder Michael Schnabel? Kurze Antwort: Geld und Politik. Diese Spieler bringen beim Erschließen neuer Märkte und Sponsoren wohl mehr ein.

Viel mitreden konnte das Team von Dragonstars nicht, was die Frage aufwirft, warum WS bzw. Herr Parker die deutschen Spieler für "nicht einladungswürdig" (O-Ton eines Verantwortlichen in Fürth) hält. Ich habe im Vorfeld mit diversen deutschen Spielern gesprochen, kein einziger erhielt eine konkrete Anfrage zum PHC. Man könnte dann höchstens fragen, warum dann nicht der eine oder andere beim Qualifikations-Event in Nürnberg dabei war. Dass sich Simon als Main-Tour-Spieler und nicht-eingeladener dort nicht die Blöße gibt, kann ich nachvollziehen. Ob Lukas eine Teilnahme eine Woche vor dem Challenge-Tour-Event an gleicher Stelle nicht vielleicht hätte einplanen sollen, überlasse ich eurer Einschätzung. Mit Iulian Boiko qualifizierte sich letztlich ein 13-jähriges Mega-Talent, das eine Menge Spaß brachte und vor allem im Speedcup seine Spielfreude unter Beweis stellte. Sehr gut war, dass man mit Gary Wilson und Ricky Walden zudem richtig guten Ersatz für Matthew Stevens und Shaun Murphy bekommen hat.

Mit dem Speedcup leite ich dann auch mal in die Berichterstattung der beiden Tage über. Im Großen und Ganzen kann man sagen: Es war anders, es war toll, es war in Ordnung. In sehr familiärer Atmosphäre (die Kinder sämtlicher Spieler sind jetzt in Fürth bekannt) zeigten die Spieler Top-Snooker, quatschten mit Fans, machten Fotos, hatten gemeinsam Spaß und zeigten sich von ihrer besten Seite. Insgesamt hatte das PHC in diesem Jahr zwar eher den Charakter einer Exhibition mit Preisgeld-Verteilung, aber das meine ich durchaus positiv. Ob das die Zukunft des Turniers ist, steht auf einem anderen Blatt, aber dazu gleich mehr. Der Exhibition-Stil wurde auch dadurch unterstützt, dass man den Zeitplan relativ kurzfristig jeweils an die Gegebenheiten angepasst hat, was bei einer TV-Übertragung natürlich unmöglich wäre. Das eigentliche Turnier nahmen alle Spieler sehr ernst und spielten das professionell runter.

Noch ein Wort zum Speedcup. In fünf Disziplinen (Trainings-Routinen auf Zeit) zeigten die Spieler, ob sie neben Präzision und Nervenstärke auch schnell agieren können. Gary Wilson gelang das am besten, auch wenn Finalist Mark King fleißig das vermutlich einzige ihm bekannte deutsche Wort "Scheiße" unterbringen konnte. Ähnliches machte man schon mal beim World Speed Cup in Berlin, was aber mangels Ticketverkäufen keine Wiederholung zur Folge hatte. Mit ziemlicher Sicherheit wird sich diese Variante auch nicht für ein volles Turnier durchsetzen (wobei man bei Barry Hearn ja nie weiß), aber als spaßiges Nebenprodukt oder für Exhibitions taugt das durchaus.

Wie geht es nun weiter? Was man aus Gesprächen mit Referees, TC, Rolf und Paul heraushören kann, ist eine unheimlich positive Grundstimmung. Alle sind sich ziemlich sicher, dass das PHC auch 2020 ausgetragen wird. In welcher Form, das ist derzeit die große Frage. Klar ist, das Turnier in diesem Jahr war mehr oder weniger nur eine Zwischenstation, ein Notfall-Plan als Übergangslösung, der zunächst erstmal den Erhalt des PHC sichern sollte. Dass das überraschend gut funktioniert hat (auch wenn das Turnier außerhalb von Fürth komplett unter dem Radar lief und von einigen als "useless" bezeichnet wurde), ist keine Garantie für die nächsten Jahre. Mein Tipp geht in Richtung eines analogen Formates zum Riga Masters. Eine vorgeschaltete Qualifikation mit anschließend 64 Spielern vor Ort erscheint sinnvoll. Überlegen wird man auch, ob man vom nicht unbedingt perfekten Termin Ende August abrückt. Damit wären weitere Varianten (CoC in Fürth?) denkbar. Auch eine Rückkehr zum PTC-Format mit 128 Spielern ist natürlich möglich, doch letztlich ist auch klar: Ohne einen vernünftigen Sponsor und - daraus folgend - höheres Preisgeld wird ein Ranglistenturnier nicht tragbar.

Ein Draufzahl-Geschäft will keiner (und ist dauerhaft natürlich auch nicht haltbar). Zum Vergleich: Das German Masters wird in dieser Saison (dank Sponsor) zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben. Im Grunde ist das kaum zu glauben, aber das zeigt einfach, wie wichtig ein Sponsor ist (und wie verdammt teuer das Tempodrom eigentlich ist). Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Veranwortlichen wandern. Neben dem Erhalt des Andenkens an Paul Hunter muss man natürlich auch zusehen, dass sich das Event rentiert. Da stimmt es einen aber zumindest sehr zuversichtlich, dass die Verantwortlichen an einem Strang ziehen und sich der Verantwortung bewusst sind.

An dieser Stelle also - egal wie das Paul Hunter Classic 2020 aussieht - einfach nur ein Riesendank an alle Beteiligten, Spieler, Funktionäre, Referees, Helfer und natürlich Fans, die das Turnier unterstützen. Es war schön, euch alle zu sehen und auch Moni wieder so putzmunter vor Ort zu haben! Auf ein Neues nächstes Jahr!

Anmerkung: Ich habe mit Absicht bei Zitaten und erwähnten Meinungen den Urheber weggelassen. Ich will mit dem Artikel schließlich niemanden in die Pfanne hauen, nur ein paar Hintergrundinfos geben.

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