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Snooker 19 im Test

Avatar of GotenGoten - 29. April 2019 - Kurioses

Knapp 10 Jahre haben Snooker-Fans warten müssen, bis es ein neues offizielles Spiel mit der aktuellen Lizenz von World Snooker auf den Videospiel-Markt geschafft hat. Nun war es mit Snooker 19 von Entwickler Lab42 und Ripstone soweit, was für mich nach ausgiebigem Testen des Spiels Grund genug ist, mal eine kleine Review dafür zu schreiben. Meine Einschätzungen basieren auf der PC-Version, die über Steam verfügbar ist - bis auf die Steuerung dürfte diese aber inhaltlich mit den Konsolen-Varianten identisch sein.

 

Spielmodi

 

Das Wichtigste gleich vorweg: Das Spiel ist vom Umfang her fast perfekt. Neben einem Karriere-Modus (dazu gleich mehr) hat man die Möglichkeit, in einem Schnellen Spiel gegen die KI oder online gegen andere Spieler auf der Welt anzutreten. Dabei sind neben der normalen Snooker-Variante auch ein 6-Reds- sowie Shoot-Out-Turnier möglich. Im Karrieremodus kämpft man sich entweder als aufstrebender Jungstar (z. B. Joe O'Connor, Xu Si, Lukas Kleckers, etc.) oder als gestandener Top-Spieler (Trump, O'Sullivan, Williams) durch den kompletten Turnierkalender der Saison 2018/2019.

Was auf den ersten Blick gut klingt, lässt einen nach spätestens der Hälfte der Saison aber mit ungutem Gefühl dastehen. Es ist nicht möglich, den zu Beginn gewählten Schwierigkeitsgrad (leicht, mittel, schwer) bzw. die eingestellte Zielhilfe (wie viel vom Ballverlauf man sieht) zu ändern. Auch ist es nicht möglich, einen eigenen Charakter zu erstellen bzw. den gewählten Spieler in seinen Fähigkeiten irgendwie hochzuleveln. Neben leichten optischen Anpassungen (Kleidung, Queue) geht man hier im Grunde nur von Turnier zu Turnier und versucht, seinen Trophäenschrank zu erweitern und in der Weltrangliste nach oben zu klettern.

 

Spielablauf / Gameplay

 

Spielerisch wirft einen Snooker 19 fast schon zu schnell ins kalte Wasser. Einem kurzen Tutorial folgend, in dem die grundlegende Steuerung erklärt wird, wird man auf die Spielmodi losgelassen. Ein kurzes Intro mit den wichtigsten Grundregeln und dem Spielablauf wäre für Neulinge interessant gewesen. Man kann sich zwar das Regelwerk durchlesen, aber wer möchte das schon? Für Einsteiger ist der Spielstart also etwas härter.

Kommen wir zum Spielablauf: Jeder Stoß gliedert sich in drei Phasen. Zu Beginn wählt man aus der Vogelperspektive die ungefähre Stoßrichtung aus. Nach einem Klick geht es in die genaue Zielphase. Hier wechselt das Spiel in eine Ego-Perspektive, die etwas nach oben und unten anpassbar ist und je nach Stoß ziemlich weit vom anzuspielenden Ball entfernt ist. Das ist bei den ersten Matches recht gewöhnungsbedürftig, da das Zielen je nach Stoß deutlich schwerer ist als aus einer Von-Oben-Ansicht, ist aber im Endeffekt realistisch und geht nach etwas Übung gut von der Hand. Ein anpassbarer Kamera-Winkel oder gar ein freies Rumlaufen um den Tisch wären allerdings nett gewesen. An diesem Punkt hat man aber durchaus Vorteile, wenn man selber schon mal ein Queue in der Hand hatte. In dieser Stoß-Phase legt man zudem den Effet des Spielballes, den Stoßwinkel des Queues und die Kraft, die man in den Stoß legt, fest. Nach einem weiteren Klick kommt der eigentliche Stoß, bei dem man nicht mehr viel zu tun hat, außer den Kraft-Balken, der von 0 % aufsteigt, an der richtigen Stelle zu stoppen. Je genauer das gelingt, desto weniger verreißt der Stoß und Spiel- sowie Objektball landen am ehesten dort, wo man sie sich wünscht.

Die Spielball-Kontrolle fällt allerdings deutlich schwerer als in frühereren Spielen. Hatte man dort noch einen ungefähren Bereich, in dem die Weiße landet, muss man in diesem Spiel erstmal Erfahrung mit dem "Kraft-Balken" sammeln, um sein Stellungsspiel zu verbessern. In der ersten Profi-Saison wird man sehr oft mit zu kurzen oder viel zu langen Spielbällen zu kämpfen haben. Bis man seinen ersten perfekten Snooker gelegt hat, dauert es ebenfalls eine Weile. Diese Gewöhnung an Profi-Bedingungen entbehrt nicht einer gewissen Ironie, geht es vielen Spielern beim erstmaligen Spielen mit Profimaterial doch ganz genauso. Ein wenig schade ist es, dass der eigene Stoß nicht beschleunigt werden kann (gegnerische Stöße können leicht vorgespult werden). So ist der Spielablauf etwas langsamer als noch in WSC Real 09. Alles in allem ist der eigentliche Spielkern aber absolut gelungen und neben der offiziellen Lizenz die Stärke des Spiels.

 

Präsentation / Physik / Umsetzung / KI

 

An diesem Punkt vergibt das Spiel die meisten Chancen, aber fangen wir lieber mit dem Positiven an. Dank der offiziellen Lizenz von World Snooker ist inhaltlich eigentlich alles mit an Board, was man sich wünschen kann. Zu den Spielern der laufenden Saison gesellt sich der volle Turnierkalender mit sämtlichen Austragungsorten und Original-Distanzen. Wer schon immer mal das WM-Finale im Crucible Theatre spielen wollte oder das German Masters im Tempodrom genießen will, der kommt voll auf seine Kosten. Bei der Präsentation hätte man sich aber mehr Mühe geben können. An der immer gleichen (kurzen) Start-Sequenz mit Hand-Shake innerhalb eines Turniers hat man sich schnell satt gesehen. Eine Siegerehrung fehlt ebenfalls, man sieht seinen Triumph nur in Zahlen auf dem Bildschirm.

Apropos Zahlen: Das ist ein gutes Stichwort, denn in Punkto Statistiken lässt einen Snooker 19 weitgehend im Regen stehen. Mehr als das höchste Break und die insgesamt erzielten Punkte kriegt man nach einem Match nicht zu sehen. Hier wäre so viel mehr drin gewesen. Wo ist der Locherfolg, wo die Tischzeit, wo ist ein Scoresheet? Die Daten entstehen doch ohnehin während des Matches und sämtliche Statistiken lassen sich mathematisch berechnen. Das kann eigentlich nicht allzu schwer einzubauen sein. Auch während des Matches lässt sich nichts davon erkennen. Lediglich das aktuelle Break und die maximal verfügbaren Punkte werden angezeigt.

Der für World Snooker fast schon realistische Mangel an Informationen setzt sich bei den Turnieren fort. Man sieht stets nur das eigene Match, es gibt keinen Turnierbaum oder jegliche Art von Scoring. Selbst wenn man ausscheidet, bekommt man lediglich den Turniersieger und das höchste Turnierbreak mitgeteilt. Das ist schwach und nimmt viel von der Atmosphäre weg.

Die Ballphysik hingegen ist exzellent. In keinem Spiel bislang rollten die Kugeln so schön und realistisch über das grüne Kammgarn. Kollisionen und Bandenabschläge sind gut umgesetzt und auch die Animation der Stoßbewegung ist in Ordnung. An der Regelumsetzung hapert es allerdings an der einen oder anderen Stelle. Mir ist es mehrfach passiert, dass Foulpunkte in der Höhe falsch waren und dass trotz zu hoher Punktedifferenz (Gegner braucht Snooker) ein Miss gegeben wurde. Da sollte durch Patches noch nachgebessert werden, ebenso bei der KI.

Die ist in leicht, mittel und schwer eingeteilt. Während man auf leicht und phasenweise auch auf mittel im Durchschnitt nach maximal 10-30 Punkten wieder an den Tisch kommen darf, haut einem die KI auf schwer durchaus schneller mal ein hohes Break um die Ohren. Den größten Unterschied merkt man aber bei den Safeties, die auf schwer zum Teil richtig klasse sind. Den Gegner zu snookern und Foulpunkte zu ergattern, gelingt einem auf schwer ebenfalls nicht mehr wirklich. Die KI-Spieler verhalten sich übrigens alle gleich, haben also keine an die echten Spieler angelehnten Spielweisen. Die Shot Selection der Profis mutet an der einen oder anderen Stelle allerdings merkwürdig an. Fast jeder Einsteiger wird ungeachtet der Stellung der Weißen angegangen (unrealistisch) und zum Teil stellt sich die KI sehr merkwürdige Positionen hin und geht eher schwere Bälle als leichte an. Auch eine Rote zu lochen und auf die Farbe zu Snookern, wenn man bereits zusätzliche Foulpunkte benötigt, ist taktisch keine sinnvolle Entscheidung.

So kam es bei mir zu einer denkwürdigen Situation in einem Match gegen Shaun Murphy, der sich nach einem Einsteiger so schön im Pulk der Roten vergrub, dass ein regulärer Stoß kaum noch machbar war. Der Computer-Murphy versuchte sehr kuriose Lösungen, bei denen selten ein vernünftiges Ergebnis herauskam. Obwohl ich nach einigen Fouls einen Einsteiger hatte, ließ ich das Spielchen mal laufen und die Bälle immer wieder von Brendan Moore zurücklegen. Über 100 Foulpunkte häuften sich so an, ehe Murphy die naheliegende Variante über eine der kleinen Farben probierte und im 35. Anlauf schließlich schaffte. Am Ende des Frames hatte ich über 200 Punkte auf dem Konto.

Technik

 

Die Grafik des Spiels ist zweckdienlich, mehr aber auch nicht. Die Animationen sind hölzern und sehen zum Teil grauenhaft aus, die Kulissen reißen auch keine Bäume aus und jeder dritte Zuschauer sieht gleich aus. Der eigentliche Tisch aber sieht schick aus, die Kugeln und die Lichtstimmung sind perfekt und nach und nach sind immer mehr Abdrücke und Kreidespuren auf dem Tuch zu sehen.

Die Soundkulisse ist ordentlich, aber auch nicht überragend. Viel Atmosphäre kommt durch die Zuschauer jetzt nicht auf, aber dennoch sind die typischen Snooker-Geräusche auf dem Tisch erkennbar und gut umgesetzt. Der Kommentar von Neil Foulds und David Hendon ist gut, wiederholt sich aber schnell und bietet wenig Überraschungen.

 

Fazit

 

Ist Snooker 19 die perfekte Videospiel-Umsetzung unseres Lieblingssportes? Nein, dazu werden zu viele Chancen vergeben, insbesondere hinsichtlich der Präsentation und dem Drumherum. Der spielerische Kern aber läuft perfekt und macht trotz Kamera-Schwierigkeiten nach kurzer Eingewöhnung eine ganze Menge Spaß. Nichts bringt mehr Befriedigung, als das erste Century (wenn es am echten Tisch schon nicht klappen will) zu spielen oder perfekt aus einem Snooker herauszukommen. Wenn Ripstone und Lab42 hier noch ein wenig nachpatchen oder im nächsten Jahr eine verbesserte Version des Spiels bringen, kann das ein richtig gutes Gesamtpaket werden. So halten wir erstmal nur ein spielerisch exzellentes, inhaltlich aber verbesserungswürdiges Videospiel in den Händen.

Das Spiel ist für 35 € für PC (via Steam), PS4 und XboxOne erhältlich. Falls ihr noch Fragen zum Spiel habt, schreibt mir in den Kommentaren oder via Twitter.

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