G0ten's Blog

Scottish Open Runde 1, Tag 2 (Dienstag) (Gastblog)

Avatar of GotenGoten - 12. Dezember 2018 - Turnierberichte

Über die lange Distanz

Am zweiten Tag des Turniers wollte ich mich auf die Partien Alan McManus/John Astley, Jimmy Robertson/Lukas Kleckers und Judd Trump/Jimmy White konzentrieren. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde!

Ich sehe dem Spiel von Alan McManus immer gerne zu, aber in dem Match gegen John Astley stellt er das Durchhaltevermögen und die Nerven seiner Fans auf eine harte Probe.

Im 1. Frame passiert lange Zeit nicht viel, und als nebenan an Tisch 3 Robert Milkins seinen ersten Frame gegen Fergal O'Brien holt (Schiedsrichter ist Leo Scullion), sind die Punktestände an Tisch 2 noch einstellig. Milkins behält dieses Tempo bei und geht dank flüssigem Spiel und schöner Breaks - u.a. eine 69 im 2. Frame - 3 - 0 in Führung, während McManus und Astley noch im 2. Frame stecken. Den 1. Frame hatte McManus sich mit einer 36 und einer schönen, als Double gelochten, Roten geholt.

Im 4. Frame fällt Milkins der Spielball, fast gleichzeitig mit Astley am Tisch nebenan. Milkins kommt schnell wieder an den Tisch und gewinnt Frame und Match. O'Brien war nicht ganz so schlecht, wie die Zahlen aussehen, aber Milkins hatte das bessere Spiel und die bessere Chancenausbeute. Es war ein hochverdienter Sieg.

Tisch 2 ist da immer noch im 2. Frame. Astley ist in Führung, aber dank Ball in Hand, eines Snookers und eines daraus entstandenen langen Einsteigers holt sich McManus den Frame auf Pink zum 2 - 0. Das hat gedauert (43:57 min laut Bildschirmanzeige).

Im 3. Frame wird offensichtlich, dass McManus sehr unzufrieden ist. Worüber genau er sich vorher beschwert hatte, war nicht klar, aber als er nach einer schönen Roten auf die Mitte Gelb verschießt, ärgert er sich lautstark. Nach ein paar tollen Snookern gibt es schließlich Foul und Miss, aber er verschießt die Grüne und der Frame geht an Astley zum 2 - 1.

Nebenan an Tisch 1 spielt derweil Ryan Day eine beeindruckende Total Clearance und tut damit auch etwas für meine #147sfSaisonspende (ich hatte ihn noch kurzfristig nominiert). Auch seine 94 im folgenden Frame ist sehr schön anzuschauen, während Astley seinen zweiten Frame gegen den zunehmend genervten McManus zum 2 - 2 Ausgleich holt.

Astley geht im 5. Frame mit 3 - 2 erstmals in Führung. Im 6. Frame legt Astley zunächst vor, aber McManus arbeitet sich u.a. durch Foulpunkte wieder heran. Im Endspiel auf die Farben fällt Astley der Spielball beim Lochen von Grün. McManus verschießt Grün vom Spot trotz Ball in Hand, aber holt den Frame schließlich doch noch mit Braun als Frameball zum 3 - 3 Ausgleich.

Der Decider beginnt mit einem bösen Snooker von McManus hinter Braun, für den Astley mehrere Versuche benötigt. Aber auch McManus gibt einige Foulpunkte ab, als er beim Lochen von Rot mit dem Spielball zwischen die Roten und Schwarz gerät. Keine andere Farbe ist direkt anspielbar. McManus versucht zweimal, Braun anzuspielen und verfehlt. Als er daraufhin vom Schiedsrichter gewarnt wird, beim dritten Fehlversuch verliere er den Frame (und hier auch das Match), scheint das auf Unverständnis zu stoßen. Mit dem ganz langen Besteck spielt er daraufhin eine Safety von Schwarz. Im Folgenden reißt er sich nochmal zusammen und schafft aus einem guten Einsteiger das frameentscheidende Break. Nach ungefähr 4 Stunden gewinnt er das Match, das auch Nerven und Sitzfleisch der Zuschauer sehr gefordert hat.

Interessant finde ich, wie sich die Verhältnisse während des Matches mehrfach verschoben. Normalerweise geschieht dies ja eher nicht bei Spielen über Bo7, aber bei 4 Stunden kann man eigentlich schon von längerer Distanz sprechen. Astley war auch anfangs nicht schlecht, aber wurde zunehmend sicherer und lochte schwere Bälle, v.a. ab dem 3. Frame. Vielleicht spürte er, dass McManus sehr mit sich haderte. Als McManus sich so über die verschossene Gelbe ärgerte, befürchtete ich, er würde das Match trotz 2 - 0 Führung verlieren. Aber im 6. Frame kippte die Lage wieder. McManus schien schließlich noch Siegeswillen zu entwickeln, und Astley wirkte im Decider dann doch etwas beeindruckt. Vielleicht ist das ein Rezept zum Sieg: Aus einer kurzen Distanz einfach eine lange Distanz machen.

Nachdem ich mich mit einem Tee gestärkt habe, finde ich mich wieder an Tisch 2 zur Partie Jimmy Robertson gegen Lukas Kleckers ein. Die wird auch nicht viel entspannender, auch wenn Lukas den 2. Frame dank einer schönen 68 für sich entscheiden kann. Allein der 4. Frame dauert über 64 Minuten, aber immerhin holt Lukas damit den 2 - 2 Ausgleich. Nebenan braucht Judd Trump noch nicht mal eine Stunde, um Jimmy White einen Whitewash zu verpassen. Leo Scullion scheint heute auf die schnellen Matches abonniert zu sein!

Ich bin im Publikum durchaus nicht allein bei der Unterstützung von Lukas, und wir geben uns alle erdenkliche Mühe, ihn mit Applaus anzufeuern, aber Robertson holt sich den 5. und 6. Frame und damit das Match.

Ich brauche nach diesen zwei Gewalt-Partien an Tisch 2 noch etwas Versöhnliches und verziehe mich an die äußersten Außentische, wo ich immerhin ein Century und eine 88 von Matthew Stevens und ein tolles 71er Break von Tian Pengfei gegen Stuart Bingham bewundern darf. Letztere wurden wegen der beiden Matches mit Überlänge an Tisch 2 hierher verbannt.

Da ich mir die peinliche Erfahrung, bei einem Snookermatch im Publikum einzuschlafen, ersparen will, verlasse ich kurz darauf die Arena in der Überzeugung, dass man von mir für heute wirklich nicht mehr erwarten kann.

Erkenntnisse des Tages:

1) Bei einem Angles-Match ist es immer gut, eine Notfall-Ration an Proviant dabei zu haben.

2) Man muss immer damit rechnen, dass Brendan Moore neben einem steht.

(@briglexuc)

Die Autorin ist überzeugte Rheinländerin und in den Gebieten Philologie und Musik zu Hause. Snookerfan ist sie seit dem Masters 2010.

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