G0ten's Blog

Ronnie-Firlefanz und meine Ideen

Goten - 15. November 2018 - Turnierberichte

Ich hatte es ja versprochen, also schreibe ich jetzt auch mal eine kurze Runde über Mister Aufmerksamkeit und versuche, irgendwie geordnet zu seinen Aussagen und Aktionen Stellung zu nehmen. Das ist gar nicht so leicht, weil gefühlt jeden Tag irgendwas Neues dazu kommt. Erst gestern hat sich Ronnie O'Sullivan in guter alter Liang-Wenbo-WM-Manier zu einem - sagen wir mal vorsichtig - offensiv ausgerichteten Spielstil hinreißen lassen, der zu Stirnrunzeln verleiten könnte. Ob das respektvoll seinem Gegner gegenüber war, sei mal dahingestellt. Ob das wirklich der richtige Weg zur Selbstmotivation ist, ebenfalls.

Viel interessanter sind da neben seinen verbalen Ergüssen und (man kann es einfach nicht anders sagen) Beleidigungen gegen etwa 50 % seiner Arbeitskollegen seine zum Teil kuriosen Theorien und Wünsche zur Neuausrichtung und Umstrukturierung der Main Tour. Da Rolf bereits ausführlich einige Dinge dazu angesprochen hat, kann ich den Text ein wenig kürzer halten, möchte aber dennoch ein paar Sachen detaillierter beleuchten.

Einer der größten Kritikpunkte von CryCryRon ist, dass die Top-Spieler keine Belohnung für ihr Standing mehr bekommen. Vergleichen wir das doch mal. Vor 10 Jahren (Saison 2007/2008) gab es 7 Weltranglistenturniere und das Masters. Das waren also 8 Turniere, für die die Top 16 gesetzt waren. Abgesehen davon, dass man dadurch ständig die gleichen Spieler und Matches gesehen hat, war das sicherlich entspannt für die Top-Akteure. Das Preisgeld allerdings war ein Bruchteil von dem, was es heute gibt. Zum Vergleich: Stephen Maguire bekam als Sieger der Northern Ireland Trophy 2007 ganze 30.000 Pfund. Das bekommt dieses Jahr alleine der Finalist in Belfast. Generell hat sich das ausgeschüttete Preisgeld in den letzten 10 Jahren mehr als vervierfacht.

Doch zurück zu den Turnieren und den Top 16: Die sind weiterhin für das Masters und die Weltmeisterschaft gesetzt. Zudem gibt es das Champion of Champions, das Shanghai Masters, den World Grand Prix, die Players Championship und die Tour Championship. Das sind 7 Turniere, bei denen die Top-Spieler entweder direkt gesetzt oder sogar komplett unter sich sind. Also kann man da eigentlich nicht von fehlender Würdigung des Top-16-Status sprechen. Zumal es genau bei diesen Turnieren dann auch meistens um richtig viel Geld geht. Ein weiterer Punkt sind die Qualifikationen bzw. das Flat-Draw-Format. Das hängt zwar indirekt mit dem Setz-System zusammen, muss aber getrennt betrachtet werden.

Dass alle Spieler in der gleichen Runde starten, ist für die Top-Spieler der 90er und Anfang 2000er Jahre ungewohnt. Aber es ist schlicht und ergreifend fair. Auch Ronnies immer wieder herangezogene Beispiele aus anderen Sportarten greifen nicht. Egal, wo man hinschaut: Golf, Fußball, Tennis, Darts: Auch hier starten die Top-Spieler (und Mannschaften) in der gleichen Runde. Im Golf muss auch ein Tiger Woods den Cut erwischen, die Bayern müssen in der 1. Runde im DFB-Pokal gegen Unteroberammerjüterburgenau antreten und Roger Federer spielt in Wimbledon in Runde 1 gegen einen Qualifikanten. Wo ich Ronnie recht gebe, sind die gesonderten Qualifikationen in Barnsley oder Preston. Es sollten sämtliche Runden eines Turniers im gleichen Venue gespielt werden. Da das nicht immer möglich ist (siehe Tempodrom), müssen wir aber mit den Qualifikationen vorlieb nehmen. Ist sicherlich ein Manko und wenn ein Herr O'Sullivan dort nicht spielen will, dann ist das eben so.

Was ich mir auch wünsche, wäre mehr Abwechslung im Modus und bessere Planung. Es darf nicht passieren, dass Kyren Wilson am Sonntag das Finale in Coventry bis spät in die Nacht spielt und am nächsten Tag in Belfast erneut am Tisch stehen muss. Entweder dürfen Turniere nicht direkt aufeinander folgen, oder es muss zumindest dafür gesorgt werden, dass sie im gleichen Land stattfinden. Ein voller Kalender ist schön, aber ein wenig Fingerspitzengefühl bei der Terminfindung wäre wünschenswert. Auch das immer gleiche Setzsystem finde ich anpassungsfähig. Flat-Draw ist schön, aber muss es bei jedem Turnier so sein? Warum nicht öfter frei auslosen oder mal nach Einjahresrangliste platzieren? Warum nicht mal öfter einen Gruppenmodus ausprobieren?

Immer wieder zur Sprache gebracht wird auch eine Reduzierung der Main Tour auf 64 Spieler. Was würde das bringen? Gar nichts, außer dass eine Runde weniger zu spielen wäre. Klar, das Preisgeld müsste dann auf weniger Spieler verteilt werden. Und die Wahrscheinlichkeit, Top-Spieler bei Events in den späteren Runden zu sehen, steigt ein wenig. Doch was passiert dahinter? Man müsste eine zweite Tour, quasi eine 2. Liga oder Amateur-Tour aufbauen, um ein vernünftiges Qualifikationssystem zu erschaffen. Das kann funktionieren, es gibt aber keine Garantie. Ich vermute aus Erfahrung von vorangegangenen Versuchen, eine solche Tour zu etablieren, dass das System irgendwann zusammenbricht. Das große Geld von Sponsoren und Investoren wird auf der Main Tour verteilt, keinen interessiert die Förderung des Amateur-Sportes. Damit kann man keinen Cent verdienen. Die Folge wäre eine Abwärtsspirale, weil sich keiner mehr die Amateur-Tour leisten kann und auf der Main Tour kaum Bewegung in der Weltrangliste. In der letzten Saison haben 80 Spieler mindestens 30.000 Pfund eingenommen, etwa 60 Akteure sind bei 50.000 Pfund Preisgeld am Ende der Saison gelandet. Damit lässt sich das Profidasein finanzieren. Eine zweite Liga, bei der man mehr Antrittsgelder zahlt als Preisgeld bekommt, wird nicht hilfreich sein. Geschweige denn, dass wohl kaum ein Sponsor auf die Idee kommen wird, einen Spieler in dieser Phase zu unterstützen.

Was wäre denn nun eigentlich zu tun? Ronnie O'Sullivan könnte sich ja an das Players Board wenden, wo Shaun Murphy den Vorsitz hat. Hat er nicht getan und wird er nicht tun. Er könnte sich auch mit Barry Hearn, der WPBSA oder World Snooker an einen Tisch setzen. Hat er nicht getan und wird er nicht tun. Er hat Hearn auf Twitter sogar stummgestellt (Matthew Selt platzt vor Stolz), liest seine Antworten also nicht mal mehr. Letztlich wird sich also nichts ändern.

Interessant in diesem Zusammenhang auch einer der letzten Tweets von Ronnie:

"I’m sure Barry and his sheriffs at WPBSA, are wondering what to do with me at moment, give it your best shot boys, cause I don’t care anymore, sometimes you get to a point of no return, and that’s where I’m at"

Das fasst die Situation für Hearn und die WPBSA eigentlich sogar recht gut zusammen. Was tut man mit jemandem, der nicht reden will, trotzdem laut ist und den man aufgrund seiner sportlichen Leistungen nicht verlieren will? Machen wir uns nichts vor, viele Snookerfans kaufen ihre Tickets immer noch wegen O'Sullivan und nicht wegen Trump, Selby oder Robertson. Sollte man ihn nun bestrafen? Nicht für seine Kritik am Turnierformat, aber für Respektlosigkeit gegenüber seinen Gegnern, Spielerkollegen und die Ausdrucksweise, mit der er Austragungsorte (unberechtigt) herabwürdigt.

Braucht Snooker Ronnie O'Sullivan? Nein, es ist eher umgedreht. 'The Rocket' wüsste ohne den Sport nichts mit sich anzufangen. Die Snooker-Welt dreht sich auch ohne den Maestro weiter. Etliche Millionen Menschen verfolgten das großartige WM-Finale 2018 zwischen John Higgins und Mark Williams, als O'Sullivan schon über eine Woche lang wieder zu Hause war. Das Tempodrom sorgt seit Jahren auch ohne Ronnie für geniale Atmosphäre. Warum also es nicht mal auf eine Sperre ankommen lassen?

New comment

1 comments

Decider

16. November 2018

Wie würde es in einer Werbung lauten:

 

"Isch habe gar keine Twitter". ;-) Das Meiste, was Ronnie O'Sullivan von sich gegeben hat, ist quatsch. In ein paar Punkten hat "The Rocket" recht.

Ob die Zuschauer wirklich nur wegen Ronnie es sich vor Ort anschauen zweifelhaft. Zumindest außerhalb von UK.

Man kann sich drüber die Äußerungen aufregen oder gelassen bleiben, absehbarer Zeit kommt Snooker auch ohne den fünfachen Weltmeister aus und zurecht.