G0ten's Blog

Das Spiel mit dem Spielen

Goten - 19. Juni 2018 - Kurioses

Die Nachricht schlug damals ein wie eine Bombe: Als im Oktober 2017 Weltmeister Stuart Bingham verdächtigt wurde, auf Snookermatches gewettet zu haben und deshalb vorübergehend gesperrt wurde, rückte ein Problem wieder in den Vordergrund eines Sports, das dort eigentlich nichts zu suchen hat. Glücksspiel, Matchmanipulation und die Verlockung des Geldes. Klar, mit Bingham war nun mal wieder ein richtig prominenter Name im Betting-Topf gelandet, vielleicht der größte seit den Fällen John Higgins und (vor allem) Stephen Lee.

Die ersten Fälle waren aber auch das nicht. Die Neffen Silvino und Peter Francisco in den 80ern bzw. 90ern waren wohl die ersten prominenteren Akteure, die wegen Verdacht auf Matchmanipulationen festgenommen bzw. bestraft wurden. Bei Silvino, bei dem es um zwei Matches beim Masters ging, erhärtete sich der Verdacht nicht, doch Peter wurde 1995 für fünf Jahre gesperrt, da er den Sport in Misskredit gebracht hatte. Matchfixing wurde ihm aber nicht nachgewiesen. Das war bei Schwerenöter Quinten Hann schon anders. Der (unter anderem) wegen sexuellen Übergriffen angeklagte Australier bekam 2006 eine Sperre für acht Jahre wegen Manipulation eines Matches bei den China Open 2005, nachdem er dafür Geld bekommen hatte.

Die Weltmeisterschaft 2010 erschütterte dann der Fall John Higgins, der gemeinsam mit seinem Manager Pat Mooney Opfer eines nicht sehr eleganten Versuches seitens der 'News of the World" wurde, den Schotten zur Manipulation von Matches zu bewegen. Higgins kam in dem zusammengeschnittenen Video, von dem allerdings nur Ausschnitte an die Öffentlichkeit gelangten, nicht gut weg und räumte ein, dass es eine einfache Angelegenheit sei, den Ausgang von Matches zu beeinflussen. Ihm wurden 300.000 Euro für das bewusste Verlieren von vier Frames angeboten, zudem wurde der Ablauf der Manipulation und die Möglichkeiten während des laufenden Matches detailliert besprochen. Higgins erklärte, dass sein Manager und er beim in Kiew geführten Gespräch aus Angst um ihre eigene Sicherheit mitgespielt hätten, weil sie die russische Mafia hinter dem Angebot vermuteten.

Der Schotte bekam 6 Monate Sperre und eine Strafzahlung von 75.000 Pfund aufgebrummt, machte sich aber letztlich nur des Vergehens schuldig, nicht sehr clever gehandelt zu haben und die Verantwortlichen der WPBSA und World Snooker nicht rechtzeitig über den Vorfall informiert zu haben. Er wurde nach der ausgiebigen Untersuchung von jeglichem Verdacht auf Matchmanipulation freigesprochen, eine Tatsache, die heute gerne von wenig informierten Zuschauern ignoriert wird. Das Schundblatt 'News of the World' wurde übrigens ein Jahr später eingestellt. Das vollständige Video gelang nie an die Öffentlichkeit und so wird sich der Schotte wohl bis zum Ende seiner Karriere mit Vorwürfen konfrontiert sehen.

Während des Higgins-Desasters lief übrigens eine erste Untersuchung gegen Stephen Lee, die dann aber erst 2012 nach einem mehr als merkwürdigen Premier-League-Match (ironischerweise gegen Higgins) Fahrt aufnahm. Acht Matches wurden untersucht, sieben davon soll Lee zum Teil beeinflusst bzw. manipuliert und dafür Geld eingestrichen haben. Schlappe 12 Jahre Sperre und 125.000 Pfund an Verfahrenskosten brachte dem Engländer das ein. Pünktlich zu seinem 50. Geburtstag im Oktober 2024 darf der mit einer so atemberaubenden Cue-Action gesegnete Lee dann theoretisch wieder offiziell Snooker spielen.

Die Liste der Spieler, die sich bereits einer Untersuchung wegen Matchmanipulation unterziehen mussten, ist lang (und hat inzwischen einen eigenen Wikipedia-Eintrag). Zu den bereits genannten kommen Peter Ebdon, Jamie Burnett, Stephen Maguire, Jimmy Michie, Marcus Campbell, Joe Jogia, Thepchaiya Un-Nooh, Thanawat Thirapongpaiboon, Passakorn Suwannawat, John Sutton, Leo Fernandez und jetzt brandaktuell Yu Delu, Cao Yupeng und David John hinzu. Bei Jogia, Sutton und Fernandez wurde aus dem Verdacht dann auch Gewissheit und die Spieler erhielten Sperren sowie Geldstrafen. Auch die drei letztgenannten sind nach aktuellem Stand höchst verdächtig und derzeit für die laufende Ermittlung gesperrt.

Zu den Matchmanipulationen sind im gleichen Zuge fast immer Glücksspiel-Vergehen zu nennen, gerne auch (oder Gott sei Dank) ohne das zugehörige Verschieben von Matches. Auch in dieser Hinsicht gibt es einige Spieler, bei denen es sich wohl noch nicht herumgesprochen hat, dass das Wetten auf Snookermatches für Mitglieder der WPBSA verboten ist. Joe Perry, Alfie Burden und Kurt Maflin dürften dies inzwischen wissen, um nur drei der vielen weiteren Namen zu nennen. Die Dunkelziffer der (noch) unentdeckten Sünder dürfte ungleich höher sein. Die große Frage aber bleibt: Warum ist Glücksspiel so ein großes Problem im Snooker?

Erklärungsversuche könnten in England beginnen, wo eine ganz andere Mentalität bezüglich Sportwetten an den Tag gelegt wird als in Deutschland. Da wird auf der Insel ganz gerne mal auf alles gewettet, was nicht schnell genug "numpty" sagen kann. Hinzu kommt die zu krasse Nähe zum Sport, stellen Wettanbieter doch gefühlt 90 % aller Turniersponsoren im Snooker. Doch das alleine kann es ja nicht sein, zumal wohl inzwischen jeder den Inhalt seines Spielervertrages in irgendeiner Form zumindest grob im Kopf haben wird. Joe Perry meinte zum Beispiel, seine knapp 200 Wetten wären schlicht aus "Langeweile und zur Ablenkung" entstanden. Schaut man sich den Turnierkalender mit fast 40 Events in 13 Ländern an, kann man das sogar ein Stück weit nachvollziehen. Spieler verbringen viel Zeit ohne Freunde und Familie. Das kann schnell zu unvorhergesehenen Konsequenzen führen. Neil Robertson trieb das viele Reisen und eintönige Trainingsleben in eine Computerspiel-Sucht, die kurz davor stand, seine Karriere zu ruinieren. Immer mehr Spieler klagen über Depressionen. Willie Thorne brachte die Glücksspielsucht sogar in den Bankrott.

Hinzu kommt der finanzielle Aspekt. Für die niedriger platzierten Spieler ist es nicht leichter geworden, auch wenn die Spielmöglichkeiten und Aufstiegschancen höher sind als früher. Die Konkurrenz ist groß, der Druck enorm und das Geld für Hotels, Kleidung, etc. kaum vorhanden. Sponsoren kriegen nur die Großen. Da fragt schon mal ein Spieler einen bereits ausgeschiedenen Akteur, ob er dessen Hotelzimmer haben kann. Der Wegfall der Startgelder zur letzten Saison und die Aussicht auf höhere Preisgelder für die frühen Turnierrunden sind ein Schritt in die richtige Richtung.

Schließlich gibt es vor allem für Spieler aus Thailand auch noch ganz anderen Druck von außen. Da wird man plötzlich durch Kartelle und die Mafia kontaktiert (oder schlimmer: bedroht). Die Häuser von Thanawat Thirapongpaiboon und Passakorn Suwannawat wurden mit Brandbomben beworfen, als herauskam, dass gegen die Spieler eine Untersuchung gestartet wurde. James Wattana bekam beim Thailand Masters 1999 eine Todesdrohung, sollte er sein Match gegen Ken Doherty nicht verlieren. Mit Polizei-Eskorte wurde der Thailänder zum Austragungsort gebracht und ignorierte die Drohung. Doherty gewann das Duell, ohne von den Umständen zu wissen. Sieben Jahre vor diesem Vorfall wurde Wattanas Vater erschossen, am Tag als James seine 147 bei den British Open spielte. Auch hier soll Glücksspiel der Auslöser gewesen sein.

So richtig wird man des Problems wohl nicht Herr werden, so lange Wettanbieter einen solch riesigen Platz im Snookersport einnehmen. Hohe Strafen, die gerne ein Karriereende bedeuten können, wirken da erstmal abschreckend, doch sind sie abschreckend genug? Welchen Reiz löst das schnelle Geld bei Spielern aus, die die Hoffnung auf eine erfolgreiche Karriere verloren haben? Wie sind eure Meinungen dazu? Teilt sie mir gerne unter dem Artikel oder auf Twitter mit!

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