G0ten's Blog

Vier gewinnt

Goten - 03. Mai 2018 - Turniervorschau

Zwölf lange WM-Tage sind vorbei und wir sind bei den letzten vier Akteuren angekommen. Wenn von Donnerstag bis Samstag die Halbfinals ausgespielt werden, gibt es im Crucible Theatre traditionell nur noch einen Tisch. Drei der vier Halbfinalisten kennen dieses Setup bereits, für einen wird es eine Premiere sein. Warum dieser Spieler vielleicht trotzdem die besten Karten für den Titel hat, will ich in einer kurzen Vorschau auf die letzten fünf WM-Tage erklären.

 

Kyren Wilson

Bereits in meiner Vorschau vor dem Turnier hatte ich dem 'Warrior' eine sehr gute 65%-ige Quote und hohe Außenseiter-Chancen auf den Titel eingeräumt. Das hat der Engländer bislang eindrucksvoll bestätigt. Mit gerade mal 14 verlorenen Frames bislang hat Wilson von allen Halbfinalisten eindeutig am wenigsten Federn lassen müssen und ist zudem der einzige Spieler, der noch keine schwache Session eingebaut hat. Zum Vergleich: Williams und Higgins haben jeweils 20 Frames verloren, Hawkins 22. Die Siege gegen Stevens, Jones und Allen waren beeindruckend und auch wenn einige unken, dass noch nicht die ganz großen Spieler dabei waren, ist der Lauf von Wilson mehr als famos. Eigentlich ist der 26-jährige in letzter Zeit nicht unbedingt der Typ für die langen Distanzen gewesen, doch bei der WM scheint ihm das herzlich egal zu sein. Die erfolgreiche Revanche für das verlorene Masters-Finale gegen Mark Allen wird ihm nochmal einen gehörigen Motivations-Schub geben, um auch das One-Table-Setup im Crucible zu überstehen. Wilson ist reif für den Titel und für mich inzwischen auch der Favorit!

 

John Higgins

Der erste Spieler, der da etwas gegen haben könnte, ist John Higgins. Zum einen war der Schotte derjenige, der Kyren Wilson im Vorjahr mit einem klaren Sieg im Viertelfinale noch das One-Table-Setup verwehrt hatte. Zum anderen bringt wohl kaum ein Halbfinalist so viel Erfahrung mit wie der 4-fache Weltmeister. Higgins steht seit knapp 23 Jahren durchweg in den Top 16 der Weltrangliste, damit kann lediglich Stephen Hendry konkurrieren. Mit dem Titel würde er wieder die Nummer 2 werden und zudem mit Ronnie O'Sullivan gleichziehen, was WM-Titel angeht. Die für ihn auf dem Weg zum Titel immer kommende kritische Situation hat der 42-jährige mit dem Drama gegen Judd Trump bereits überstanden. Auch bei seinen anderen vier Triumphen im Crucible Theatre lag Higgins jeweils in mindestens einem Match mit 4 oder mehr Frames zurück. Die wichtige Frage für den 'Wizard of Wishaw' ist: Macht die Kraft mit? Schließlich sind gerade mal knapp die Hälfte der für den Titel nötigen Frames gewonnen. Fakt ist aber: Stimmt die Form und das Durchhaltevermögen, geht die Trophäe jetzt nur noch über Higgins!

 

Barry Hawkins

Es sind einfach nur beeindruckende Zahlen, die Barry Hawkins in den letzten sechs Jahren im Crucible Theatre vorweisen kann. Ein Finale, vier Halbfinalteilnahmen und einmal Viertelfinale. Und es muss ja diesmal noch nicht in der Runde der letzten Vier Schluss sein. Dass Hawkins in den letzten 6 Jahren mehr Matches im Crucible Theatre gewonnen hat als jeder andere (sogar Mark Selby mit in dieser Zeit 3 WM-Titeln gewann weniger), spricht für die sagenhafte Konstanz des Engländers in Sheffield. Barry Hawkins und das Crucible, das passt einfach. Nachdem sich der 39-jährige in seinen ersten beiden Matches noch wacker durchbeißen musste, folgte im Viertelfinale eine grandiose Demontage von Ding Junhui. Es scheint, als wenn es wirklich einer Weltklasse-Leistung bedarf, um Hawkins hier zu stoppen. Allerdings spricht auch die eigene Bilanz gegen den 'Hawk': Bei den Halbfinalteilnahmen 2014, 2015 und 2017 folgten krachende Niederlagen (7:17, 9:17, 8:17). Auch das Finale 2013 verlor Hawkins gegen Ronnie O'Sullivan letztlich klar mit 12:18. Meistens lag dies an einer kurzen Schwächephase bzw. schwachen Session in den jeweiligen Matches, durch die er den Anschluss verlor. Gegen Carrington und Lyu Haotian hatte er sich dies ebenfalls erlaubt, was ihm gegen Mark Williams natürlich nicht passieren darf. Behält Hawkins die Nerven und das Spiel im Griff, ist das Finale (oder mehr) drin!

 

Mark Williams

Ich glaube, über die Geschichte des letzten Jahres von Mark 'Wusa' Williams ist genug geschrieben und gesprochen worden. Dass man 12 Monate nach einem überdachten Karriereende auf die beste Saison seit 15 Jahren blicken kann und nur noch zwei Matches vom dritten WM-Titel entfernt ist, passiert einem nicht allzu häufig. Williams hat mit seiner neuen Gelassenheit eine Konstanz und Spielstärke gefunden, die ihresgleichen sucht. Der Senioren-Weltmeister (!) von 2015 hat nach bereits drei Titeln in dieser Saison nun die Chance, sich womöglich einen Rekord für die Ewigkeit zu sichern: Die längste Zeitspanne zwischen zwei WM-Titeln. Doch bis dahin ist es noch weit: Sowohl Barry Hawkins als auch der mögliche Finalgegner werden da andere Pläne haben. Außerdem lief auch beim 43-jährigen bisher noch nicht alles perfekt. Sowohl gegen Jimmy Robertson (zweite Session) und Robert Milkins (erste und zweite Session) erlaubte sich Williams die eine oder andere Unsicherheit, nur auszunutzen wusste das bislang keiner. In den nächsten beiden Matches wird der zweifache Weltmeister mit Sicherheit mehr gefordert. Doch selbst unter Druck lässt sich Mark Williams in dieser Saison ja nicht aus der Ruhe bringen, eine Eigenschaft, die ihn unheimlich gefährlich macht. Mit dem Motto des Dschungelbuch-Balu im Kopf ist der 'Welsh Potting Machine' an den nächsten fünf Tagen alles zuzutrauen!

 

Es ist unheimlich schwer, aus diesem Lineup der verbliebenen vier Kandidaten einen Favoriten herauszupicken. Eine Überraschung wäre es bei keinem der Spieler mehr. Wir können uns also entspannt zurücklehnen und die letzten fünf Snookertage der Saison 2017/2018 genießen.

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