G0ten's Blog

Belgische Spezialitäten (Gastblog)

Avatar of GotenGoten - 04. Oktober 2017 - Turnierberichte

Nach zwei Turnieren im Rahmen der Home Nations Series auf Britischem Boden bot sich mir diesmal die Gelegenheit, ein Weltranglistenturnier näher der Heimat zu besuchen. Und so warf ich Proviant ins Auto, das Navi an, und machte mich auf den Weg zum ersten Tag des European Masters nach Lommel in Belgien.

Zunächst wie gewohnt ein paar Worte zu Austragungsort und Organisation: Der Sportpark DeSoeverein liegt im Norden von Lommel. Der Weg dorthin ist ausgeschildert, und vor Ort hatte ich keine Schwierigkeiten bei der Parkplatzsuche. Ich frage mich allerdings, wie größere Fahrzeugmengen bewältigt werden.

Die Atmosphäre vor Ort ist sehr angenehm und fast familiär, die Ordner, Security etc. sind hilfsbereit und kommunikativ. Ich benutze meist Englisch, aber die meisten können glaube ich auch Deutsch. Nach dem Einlass gelangt man direkt in den Catering-Bereich, der aus mehreren Buden bzw. Wagen sowie überdachten Tischen besteht. Man muss einen Gutschein erwerben, um etwas zu verzehren, da an den einzelnen Buden nicht bar bezahlt werden kann. Erstmal ungewohnt, aber es schien so tatsächlich schneller zu gehen. Die Preise fand ich in Ordnung. Es gab heiße und kalte Getränke, Sandwiches, Würstchen, frittierte Sachen wie Kaassoufflé, Frikandel oder Bitterballen z. B. und natürlich die belgische Spezialität per se: Pommes Frites.

Im Gebäude selbst ist alles sehr überschaubar, es hängt auch ein Tischbelegungsplan aus. Monitore mit Spielständen habe ich im Foyer nicht gesehen. Die freundlichen Ordner erklären den besten Weg zum gewünschten Tisch und bitten jeden persönlich, das Handy auszuschalten. Die Sicht auf alle 4 Tische ist gut, und ich stelle auch wieder fest, dass gemauerte Tribünen den Lärm erheblich reduzieren.

Über das Publikum kann ich nach dem einen Tag nicht viel sagen, zumal ich mich hauptsächlich an den ruhigeren Außentischen aufgehalten habe. Der Fernsehtisch war schon bei den Nachmittagsmatches gut besucht. Mein Eindruck war, dass die Zuschauer gerne bei erfolgreichen Lochversuchen klatschten, aber nicht abwarteten, ob die Stellung klappte oder der Spieler damit zufrieden war. V.a. die Zuschauer bei Gould vs Castle erscheinen mir diesbezüglich nicht sehr sensibel.

Für mich als Fan geht das Turnier sehr gut los, nämlich mit einer quasi Privatvorstellung von Alan McManus. Nach einem richtig guten Anstoß von Yuan, der McManus sichtlich zum Grübeln bringt, arbeitet sich letzterer erfolgreich durch den Frame. Sehr nervenaufreibend, obwohl McManus eigentlich durchgehend einen guten Eindruck macht. Im 2. Frame demonstriert Angles eine ungewöhnliche aber erfolgreiche Stoßtechnik: Er legt das Queue auf den Tisch, wobei die Spitze zu ihm zeigt, packt es mit einer Hand und zieht es zu sich hin. Nachdem er das zweimal gemacht hat, denkt sich Yuan vermutlich: Was der kann, kann ich auch. Nur vergisst er dabei, auf die Abdeckung einer Roten unmittelbar vor der unteren Ecktasche zu achten. Framegewinn McManus. Dessen Spezialität sind ja eigentlich die Bälle über mehrere Banden, aber über diese Kuriosität muss ich auch schmunzeln. Den 3. Frame holt sich Yuan, nachdem McManus zweimal den Spielball versenkt hat. Der 4. Frame ist dann nichts für schwache Nerven. Die untere Tischhälfte sieht furchtbar aus, braun blockiert die untere Ecktasche, mehrere Rote an der Kopfbande. Nach zähem Hin und Her holt McManus den Frame auf Pink. Yuan locht zwar hin und wieder recht gut, ihm scheint aber die Übersicht und Vorausplanung zu fehlen. Im 5. Frame verwöhnt McManus mich und einen inzwischen hinzugekommenen weiteren Zuschauer dann noch mit einem schönen 65er Break komplett ohne Schwarz, wodurch sich meine Adrenalinwerte wieder etwas normalisieren.

Anschließend beobachte ich noch aus der Ferne, wie zu meiner Freude Mark Selby den Rückstand im Decider aufholt und sich durch ein eindrucksvolles 93er Break Frame und Match holt.

Nachdem ich den Anfang des ersten Frames bei Robertson vs Fang gesehen habe, muss ich mich losreißen und um meine Verpflegung kümmern. Ich entscheide mich für das belgische Nationalgericht und bin zufrieden mit der Qualität. Dass der Essensbereich draußen ist, hat viel für sich. Es ist eigentlich eine ganz stimmungsvolle Ecke, und man kann etwas Tageslicht und frische Luft tanken. Auch die Musikauswahl ist unaufdringlich und findet Gnade vor meinen Ohren. Ich bin rechtzeitig wieder im Saal, um Robbos 2. Century und damit den Framegewinn zum 4-0 in voller Länge genießen zu können. Bei meinen bisherigen Turnierbesuchen habe ich immer schöne Centuries von ihm gesehen, und das kann auch in Zukunft gerne so sein!

Während abends ein offenbar zahlreiches und gutgelauntes Publikum am Fernsehtisch den belgischen Lokalmatador Luca Brecel lautstark unterstützt, finde ich mich wieder an Tisch 4 zu Dale vs Ebdon ein, mit gutem Blick auf Holt vs Mehta an Tisch 3. Diese Konstellation bereitet mir anfangs Sorgen: Links Ebbo, Spezialist für Tiefenentspannung, und rechts Holty, Spezialist für Hochgeschwindigkeitsspiel; muss das nicht zwangsläufig eine Persönlichkeitsspaltung beim Zuschauer zur Folge haben? Aber die Sorge ist unbegründet. Beide beginnen mit einem spektakulären langen Einsteiger ohne Fortsetzung, aber während Ebdon für mich vom ersten Ball an wie der sichere Sieger aussieht, läuft es bei Holt gar nicht gut. Dagegen dreht Mehta richtig auf und spielt schön und flüssig direkt eine 86, im weiteren Verlauf des Matches auch noch eine 53 und 129. Holt schafft es zwar, sich den 3. Frame zu holen und hatte auch im 5. eine echte Chance, aber letztlich war es wohl einfach nicht sein Tag.

Peter Ebdon nebenan erfreut sein ausschließlich weibliches Publikum (ich enthalte mich hier jeglicher Spekulation über Kausalzusammenhänge) mit einem schönen Ball nach dem anderen. Los geht es mit zwei tollen Einsteigern und einem fiesen Snooker hinter Braun. Dale entkommt diesem und darf anschließend auch mal mitspielen, aber Ebdon holt sich den 1. Frame schließlich mit einem 53er Break. Den 2. Frame beginnt er mit einem klasse Einsteiger auf die linke Mitteltasche und lässt wieder einen Snooker hinter Braun folgen. Aus der anschließenden Chance macht er ein gutes 41er Break und, nachdem er zweimal auf die untere linke Ecktasche verschossen hat, mit einem Fluke den Frame sicher. Dale schafft ganze 9 Punkte. Den 3. Frame holt sich Ebdon mit einem schönen 67er Break. Als er verschießt, kommt Dale trotzdem nochmal an den Tisch, vermutlich, um sich mal etwas warmzuspielen. Helfen tut es ihm nicht, denn im 4. Frame sieht es noch düsterer für ihn aus: Bis zu dem Zeitpunkt, wo Ebdon den Frame schon sicher hat, stehen bei Dale nur 4 Foulpunkte auf dem Konto. Diese bekommt er gleich zu Anfang, als Ebdon beim Spiel auf Grün foult. Er nimmt's mit einem ungläubigen Lächeln. Dale ist mehrfach am Tisch, macht aber keine Punkte. Nachdem Ebdon die anschließende Schwarze nach dem Frameball verschossen hat, kommt Dale bei einer Lücke von 4 Punkten nochmal an den Tisch. Er macht jedoch nur noch 8 Punkte und Ebdon holt sich mit einem 31er Break Frame und Match souverän und verdient.

Meine Special Awards gehen an:

- Ebbo für die starke und überzeugende Vorstellung, die er mit der ihm eigenen Ruhe geliefert hat, und - wie könnte es anders sein - Robbo für ein weiteres schönes Century (der braucht bald ein imaginäres Regal für meine Awards)

- Die freundlichen und hilfsbereiten Ordner und Sicherheitsleute. Auch stellvertretend für alle anderen, die hinter den Kulissen ein solches Event erst möglich machen.

Durch den stimmungsvoll erleuchteten und beschallten Gastronomie-Bereich mache ich mich auf den Weg zu meinem Wagen und genehmige mir als Stärkung noch einen veganen Erdnussbutterriegel, zu Ehren meiner Award-Gewinner. Auch wenn ich diesmal wegen des heutigen späten Beginns nur wenige Spiele gesehen habe und der Heimweg dank fehlerhaft arbeitendem Navi eine Zumutung ist: Der Turnierbesuch hat sich für mich wirklich gelohnt. Und als ich dann von meinem heimischen Logenplatz aus noch einen schönen Erstrundensieg von Stuart Bingham bewundern darf, bin ich ganz zufrieden. Und Stu dürfte angesichts der Alternative im Nachbarland vielleicht auch froh sein, dass die Belgische Spezialität Pommes Frites sind...

 

(@briglexuc)

Die Autorin ist überzeugte Rheinländerin und in den Gebieten Philologie und Musik zu Hause. Snookerfan ist sie seit dem Masters 2010.

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