G0ten's Blog

Masters-Preview in letzter Minute

Avatar of GotenGoten - 10. Januar 2016 - Turniervorschau

Ich weiß, ich weiß, ich bin einer von der schnellen Truppe und bereite meine Vorschau auf das wichtigste Einladungsturnier schon WochenTageStunden Momente vor dem Turnierstart vor. Aber irgendwie war ich noch ein wenig gefangen in der Weihnachts-, Neujahrs- und Fahrschultheorie-Atmosphäre, so dass ich eigentlich so gut wie keine Zeit hatte, mir guten Gewissens ein paar textuelle Ergüsse über das kommende Ally-Pally-Event einfallen zu lassen. Aber jetzt, wo auch die ohne-bogen-Pfeile-schmeißenden Brocken aus London verschwunden sind, kann ich mich voll und ganz dem feingeistigen Sport widmen und ein paar Zeilen loswerden.

Eröffnet wird der grüne Reigen morgen gleich mal mit zwei Matches, deren wichtigste Vertreter auf einem der offiziellen Werbe-Poster zum Masters frevelhaft fehlen: Titelverteidiger Shaun Murphy und Weltmeisterfrosch Stuart Bingham. Murphy darf gleich mal gegen Mark Allen ran und hat mit der nordirischen Wunderkugel sicherlich keine leichte Aufgabe zum Start. Aber gibt's die eigentlich, angesichts des Top-16-Feldes in London? Während Allen immerhin beim Champion of Champions im Finale stand, hat sich Murphy zum Jahresende vornehm zurückgehalten; dennoch können beide auf ein gutes letztes Jahr zurückblicken. Ich sehe Murphy hier leicht vorne, genau wie Stuart Bingham in seinem Abendmatch gegen Ding Junhui. Wie die liebe LochBar-Kollegin Kathi so wunderbar erwähnte, treffen hier Not und Elend aufeinander. Ding kann das Jahr 2015 irgendwo zwischen Wurzelbehandlung und DSDS verbuchen, während sich Bingham seit seinem WM-Titel unheimlich schwertut. Das Masters kann für einen der beiden ein Turnier werden, um sich aus dem Dreck zu ziehen. Der jeweils andere wird einen erneuten Rückschlag verkraften müssen.

Apropos Rückschläge: Die gab's für Judd Trump im letzten Jahr ebenfalls desöfteren. Übrigens auch beim Masters, wo er die letzten zwei Jahre jeweils in der 1. Runde die Segel streichen musste. Gegner diesmal ist Stephen Maguire, der das Jahr 2015 auch nicht gerade mit Fanfaren und Löwengebrüll in Erinnerung behalten wird. Aber, 2015 trafen beide schon mal hier in der 1. Runde aufeinander und der Schotte gewann. In diesem Jahr sehe ich Trump vorne, auch weil der sich in der Championship League schon mal warm spielen konnte und seine Einstiegsgruppe 2 auch gleich mal gewann. Zweites Match am Montag ist das von den Namen her vielleicht unspektakulärste: Barry Hawkins gegen Joe Perry. Damit tut man beiden natürlich unrecht, nicht umsonst stehen sie in den Top 16 und sind in den letzten Jahren zu Top-Spielern gereift. Beide haben sich beim Masters allerdings noch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, Hawkins gar noch nie ein Match gewonnen. Perry erreichte letztes Jahr das Viertelfinale und ist hier auch mein leichter Favorit.

Der Dienstag wird dann ein echter Festtag für alle Snookerfans und wartet mit dem Top-Duell der ersten Runde zwischen Rückkehrer Ronnie O'Sullivan und Dauergegner Mark Williams auf. Die Generalprobe des Matches in der Championship League entschied die spätgezündete Rakete knapp für sich, aber Williams weiß spätestens seit seinem Sieg über Ronnie in Chengdu, dass er den Engländer schlagen kann. Gleichzeitig fehlt O'Sullivan, so viele Exhibitions und Legends-Matches er auch gemacht hat, die Spielpraxis auf der Main Tour. Dass das letztlich egal ist, zeigt sein Durchmarsch in Gruppe 1 der Championship League vergangene Woche. Mein Tipp daher: Ronnie siegt 6:4. Etwas deutlicher ausfallen könnte da schon der Sieg am Abend von Mark Selby gegen Ricky Walden. Für Selby ist das Masters DAS Turnier schlechthin. Viele große Siege hat er hier gefeiert und bei kaum einem anderen Turnier hat er seine Comeback- und Nerven-Qualitäten so beeindruckend unter Beweis gestellt wie hier. Walden hingegen gewann erst ein Match beim Masters und das auch nur denkbar knapp gegen Barry Hawkins. Eine Runde später ging es dann nach Hause (nach einem krachenden 0:6 gegen Ronnie O'Sullivan). Ergo: Klarer Sieg für den Jester.

Am letzten Erstrundentag dürfen die Weithergereisten aus Australien, China und Hongkong ran, während John Higgins einsam eine schottische Fahne hochhält. Das macht dieser aber weiterhin überraschend gut, das Jahr 2015 beweist, dass sich Higgins noch nicht aufs Altenteil zu legen braucht. Mit Liang Wenbo, der erstmals beim Masters dabei ist, hat er allerdings einen unangenehmen Gegner erwischt. Der strotzt derzeit nach seinem Finaleinzug bei der UK Championship ganz sicher vor Selbstvertrauen. Wenbo kann ohne Druck ins Turnier gehen, er ist klarer Außenseiter. Higgins wird's egal sein, er hat genügend Erfahrung, um damit umzugehen. Mein Tipp liegt daher auch ganz (langweilig) auf Seiten des Schotten. Und auch im letzten Match lasse ich mich nicht zu Überraschungssiegen verleiten, dazu war Neil Robertsons Jahresabschluss einfach zu stark. Champion of Champions gewonnen, UK Championship gewonnen: Der Australier ist nach mäßigem Saisonstart blendend in Form und kann aus dem Vollen schöpfen. Gegner Marco Fu hat allerdings auch gute Form und holte den Jahresabschluss-Sieg in Gibraltar. Zudem hat der Mann aus Hongkong seit 2010 nicht mehr in der 1. Runde des Masters verloren. Okay, das klingt nicht mehr so spektakulär, wenn man bedenkt, dass er 2012 und 2013 nicht dabei war, aber irgendwie muss man ja Spannung reinbringen. Letztlich kommt man nicht umhin, hier Neil Robertson auf der Siegerstraße zu sehen.

So, jetzt dürfen mich die Spieler (und die Mittipper) wieder eines Besseren belehren. Wahrscheinlich haben wir am Ende das Finale Perry gegen Walden, Ding spielt ein Maximum, Maguire haut den Trump Tisch kaputt und Robertson bekommt eine Geldstrafe für zu häufiges Entleeren der Blase. Lassen wir uns Überraschen.

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